Im späten August ändert der Cansiglio seinen Atem. Die Morgen beginnen mit Nebel, der wie ein Geistersee über dem Boden des Talkessels schwebt, die Mähwiesen leeren sich, und im Wald fällt das Licht tiefer und länger ein. Es ist der Moment, in dem die Hochebene aufhört, ein Ausflugsziel zu sein, und wieder das wird, was sie ist: ein Wald.
Genau während sich der Sommer verabschiedet, bündeln die Veranstaltungen im Cansiglio ihre schönste Abfolge im letzten Wochenende des Monats. Man wandert am Abend, wenn der Mond hoch über den Buchen steht. Man bleibt stehen und hört dem Wald zu, statt ihn zu durchqueren. Man besucht einen botanischen Garten, der auf wenigen Hektar fast die gesamte Flora der Hochebene versammelt, betritt ein Museum, das Jahrtausende menschlicher Anwesenheit erzählt – und sieht am Ende einer Tanzgruppe zu, die sich zwischen den Bäumen bewegt.
Rund eineinhalb Stunden von Venedig, weniger als eine Stunde von Belluno entfernt – und doch ganz anders als die Dolomiten, die alle fotografieren.
Cansiglio — das letzte Augustwochenende
Freitag, 28. August
- 20.00 Uhr — Wanderung Al chiaro di luna (Im Mondschein), geleitet von der Abteilung Carabinieri Biodiversität Vittorio Veneto
Samstag, 29. August
- 9.30 Uhr — Bagno di Foresta (Waldbaden), mit NaturalMenteGuide
- 10.30 Uhr — Botanischer Garten, Führung
- 15.00 Uhr — Botanischer Garten, Führung
- 17.00 Uhr — Autori sotto la luna piena (Autoren unter dem Vollmond), mit Prealpi Cansiglio Hiking
Sonntag, 30. August
- 10.30 Uhr — Botanischer Garten, Führung
- 15.00 Uhr — Botanischer Garten, Führung
- 15.00 Uhr — Museum des Menschen im Cansiglio, Führung Der Cansiglio: von der Buche zur Tanne
- 16.30 Uhr — Botanischer Garten, NEL BOSCO ombra e luce (Im Wald, Schatten und Licht) von Roberta Claren
Ort: Pian del Cansiglio, Tambre (Provinz Belluno). Programm nach dem offiziellen Kalender Eventi Cansiglio 2026 der Fondazione DMO Dolomiti Bellunesi. Die Führungen finden auf Italienisch statt.
Wo liegt der Cansiglio eigentlich?
Wer zum ersten Mal auf den Pian del Cansiglio kommt, tut sich schwer, ihn einzuordnen. Es ist kein Tal und kein Gipfel: Es ist ein großer Karstkessel auf rund 1.000 Metern, eine Hochebene der Venezianischen Voralpen an der Grenze zwischen Venetien und Friaul-Julisch Venetien. Die Ebene teilen sich die Belluneser Gemeinden Tambre und Farra d’Alpago mit der Trevisaner Gemeinde Fregona. In der Mitte Mähwiesen und Weiden, ringsum einer der ausgedehntesten Buchenwälder Italiens.

Dieser Wald hat eine politische Biografie. Jahrhundertelang war er der Gran bosco da reme di San Marco, der große Ruderwald des heiligen Markus: Die Republik Venedig unterwarf ihn einer äußerst strengen Bewirtschaftung, denn von hier kamen die Ruder für die Galeeren des Arsenals. Geregelte Schläge, gezählte Bäume, Wachen, Verbote. Es ist eine der frühesten dokumentierten Formen geplanter Forstwirtschaft in Europa – und es ist kein Zufall, dass Veneto Agricoltura, die Regionalagentur, die den Staatsforst heute verwaltet, das Gebiet des Pian del Cansiglio Foresta dei Dogi nennt, Wald der Dogen: Es war weltweit das erste Gebiet, das für die Ökosystemleistung Biodiversitätsschutz nach PEFC zertifiziert wurde.
Für Wandernde ergibt das einen Wald, der fast nie an eine Dolomiten-Postkarte erinnert: keine Zinnen, keine Schotterfelder. Stattdessen graue Buchensäulen bis zum Horizont, Dolinen, Torfmoore, der Karstschacht Bus de la Lum – und eine Stille, die man im August sonst kaum irgendwo in der Provinz findet. Wenn Sie spektakuläre Orte ohne Andrang suchen, ist der Cansiglio vermutlich der am leichtesten erreichbare.
Die Zimbern des Cansiglio: eine Gemeinschaft aus Roana
In diesem Wald stehen nicht nur Bäume. Es gibt Holzdörfer, Lichtungen mit Namen, die nicht italienisch klingen, eine kleine Kirche, einen Friedhof. Es sind die Spuren der Zimbern des Cansiglio – und hier lohnt Genauigkeit, denn die übliche Kurzformel vom „alten germanischen Volk“ wird einer viel enger umrissenen, gut dokumentierten Geschichte nicht gerecht.
Die zimbrischen Familien des Cansiglio kamen nicht aus Nordeuropa. Sie kamen aus Roana, einer der Sieben Gemeinden der Hochebene von Asiago bei Vicenza, wo seit Jahrhunderten eine zimbrischsprachige Gemeinschaft lebte – eine altertümliche germanische Sprachvariante. Die mündliche Überlieferung setzt die erste Ansiedlung ins Jahr 1707; der Kulturverein Cimbri del Cansiglio, der diese Erinnerung bewahrt, nennt das Datum jedoch eine Legende und datiert die erste Einwanderung auf den Beginn des 19. Jahrhunderts, begünstigt durch Privilegien des venezianischen Arsenals. Der erste dokumentierte Siedler ist Giobatta Azzalini, 1772 in Roana geboren, der sich in Pian dei Lovi niederließ.

Sie kamen wegen der Buche. Neben dem Holzschlag brachten sie das Handwerk der scatoleri in den Cansiglio: Handwerker, die aus dem Holz hauchdünne Brettchen für Schachteln, Siebe und Haushaltsgegenstände spalteten, die dann weit über Venetien hinaus gehandelt wurden. Um diese Arbeit entstanden acht Dörfer – Le Rotte, Vallorch, Pich, Pian Osteria, Val Bona, Campon, Canaie, Pian dei Lovi –, von denen heute nur noch Campon und Pian Osteria dauerhaft bewohnt sind. Vier Familiennamen ziehen sich durch die ganze Geschichte: Azzalini, Bonato, Gandin, Slaviero.
Die zimbrische Sprache ist im 20. Jahrhundert fast verstummt, doch die Gemeinschaft ist als historische Sprachminderheit anerkannt, und ihr Gedächtnis ist alles andere als archiviert: Der Kulturverein Cimbri del Cansiglio hat seinen Sitz im zimbrischen Dorf Pian Osteria selbst, in Tambre. Ein wenig bekannter Baustein im Mosaik der Volkstraditionen der Belluneser Dolomiten.
Freitagabend: der Cansiglio im Mondschein
Der Auftakt des Wochenendes ist zugleich der stimmungsvollste Termin. Um 20.00 Uhr am Freitag, 28. August, führt die Abteilung Carabinieri Biodiversität Vittorio Veneto durch eine abendliche Wanderung im Wald: Der offizielle Kalender beschreibt sie schlicht als jenen Moment, in dem die Sonne untergeht und den Platz dem Mond überlässt, in vollem Glanz.
Das ist keine Floskel. Die Abteilung Biodiversität ist die Spezialeinheit der Carabinieri, die Italiens staatliche Naturschutzgebiete verwaltet – den Cansiglio eingeschlossen. Sie wandern also mit jenen, die diesen Wald das ganze Jahr über betreuen und ihn normalerweise nicht für Besucher erzählen.
Gut zu wissen
Der Vollmond des August 2026 fällt exakt auf den Morgen des 28. August, um 6.18 Uhr italienischer Zeit. Am selben Abend, wenn die Gruppe aufbricht, ist die Mondscheibe praktisch noch voll – und es ist derselbe Mond, der am Tag darauf der literarischen Wanderung von Prealpi Cansiglio Hiking ihren Namen gibt. Der Zufall ist keiner: Im Cansiglio richtet sich der Kalender Ende August nach dem Mond.

Samstagvormittag: Waldbaden
Um 9.30 Uhr am Samstag, 29. August, bieten die Guides von NaturalMenteGuide ein Bagno di Foresta an, ein Waldbad, das die Veranstalter als Praxis des bewussten Eintauchens in die Natur beschreiben, gedacht zum Stressabbau und für das körperliche und geistige Wohlbefinden.
Jenseits der Definitionen ist die Idee einfach und, gemessen an der üblichen Art, in die Berge zu gehen, ziemlich radikal: Es geht nicht darum, irgendwo anzukommen. Man geht sehr wenig, steht sehr viel, und nutzt die Zeit zum Hören – Wind in den Kronen, knackendes Holz, Vögel – und um Details wahrzunehmen, die im Wandertempo verschwinden: das Moos auf einem gestürzten Stamm, der Geruch der Buchenstreu, die wenigen Grad, die man beim Schritt von der Lichtung in den Schatten verliert. Mit seinem gleichförmigen Buchenwald und ohne ablenkendes Panorama ist der Cansiglio dafür fast ein Idealort.
Autoren unter dem Vollmond
Um 17.00 Uhr, ebenfalls am Samstag, lädt Prealpi Cansiglio Hiking zu Autori sotto la luna piena ein: eine Wanderung, die Literatur in den späten Nachmittag hineinwebt, während er in den Abend gleitet. Der offizielle Kalender nennt weder die beteiligten Autorinnen und Autoren noch Route oder Teilnahmebedingungen – Einzelheiten, die Sie direkt beim Veranstalter erfragen sollten. Die Lesungen finden auf Italienisch statt.
Sonntag zwischen Botanik, Geschichte und Tanz
Der Sonntag ist der Tag für Langsamkeit, denn das Programm zeichnet die Route beinahe von selbst: vormittags in den botanischen Garten, nachmittags ins Museum, dann zurück in den Garten für das Finale. Drei Orte, wenige hundert Meter voneinander entfernt, und drei verschiedene Arten, denselben Wald zu lesen.
Der Alpine Botanische Garten “Giangio Lorenzoni”
Der Garten trägt den Namen des Botanikers Giovanni Giorgio Lorenzoni, Professor an der Universität Padua, der in den 1960er-Jahren den ersten Kern entwarf; 1994 wurde er ihm gewidmet, im Juli 1995 für das Publikum geöffnet. Er erstreckt sich über rund drei Hektar auf mehreren Ebenen auf 1.000 Metern Höhe, gehört Veneto Agricoltura und wird von der Associazione Naturalistica Lorenzoni gepflegt und geöffnet.

Es ist kein Ziergarten, sondern eine Rekonstruktion der Lebensräume des Massivs Cansiglio-Cavallo: Feuchtgebiete – Torfmoore, Almtümpel, Feuchtwiesen, ein großer natürlicher Weiher mit einer Sammlung alpiner Weiden und Raritäten wie Sonnentau und Sumpfveilchen; Waldformationen, von Hainbuche und Eiche der Hügelstufe bis zu Buchen-, Weißtannen- und Fichtenwald; Latschen und Grünerlengebüsch, das die lawinendurchzogenen Hänge stabilisiert; Mähwiesen und Lichtungen; Hochgebirgsarten der Schneetälchen und Schutthalden; und Beete mit Heilpflanzen. Rund 1.000 Arten werden heute kultiviert, mit dem erklärten Ziel, die 1.500 in der Umgebung erfassten zu erreichen.
Die Führungen am Samstag und Sonntag um 10.30 und 15.00 Uhr sind im Eintrittspreis enthalten.
Das Museum des Menschen: von der Buche zur Tanne
Um 15.00 Uhr bietet das Museo Regionale dell’Uomo in Cansiglio – das Regionale Museum des Menschen im Cansiglio, untergebracht in der ehemaligen Forstkaserne des zimbrischen Dorfes Pian Osteria und zugleich Ethnografisches Zentrum für zimbrische Kultur – die Führung Il Cansiglio: dal faggio all’abete an, vom Buchen- zum Tannenwald.

Der Titel ist weniger technisch, als er klingt, denn das Verhältnis von Buche und Tanne ist genau der Punkt, an dem sich Natur- und Menschheitsgeschichte des Cansiglio berühren: Die Zusammensetzung des Waldes, den wir heute sehen, ist nicht nur eine Frage von Klima und Boden, sondern auch das Ergebnis jahrhundertelanger Entscheidungen – der venezianischen über das Ruderholz, der Aufforstungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Museum setzt weit früher an: Es bewahrt prähistorische Funde, von Artefakten der Neandertaler bis zu jenen des Homo sapiens, sowie die mächtigen Stämme und Pflanzenreste aus dem Torfmoor von Palughetto, die den Klimawandel der Hochebene dokumentieren. Danach folgen die Abteilungen zur Waldarbeit, zur Köhlerei und zur zimbrischen Kultur. Wer das Museo Etnografico Dolomiti in Seravella besucht hat, wird hier einen ähnlichen Ansatz wiedererkennen, angewandt auf einen einzigen Wald.
NEL BOSCO ombra e luce
Das Finale um 16.30 Uhr im botanischen Garten ist der unerwartetste Programmpunkt. NEL BOSCO ombra e luce – Im Wald, Schatten und Licht – ist ein Werk von Roberta Claren, aufgeführt von der Gruppe für zeitgenössischen Tanz über 60 des CTR Centro Teatrale di Ricerca der Giudecca in Venedig: getanzte Aktionen zwischen den Bäumen, zu Musik von Frank Zappas Uncle Meat und Forest Blakks Find Me über Bellinis Norma und Verdis La Traviata bis zu Mozarts Requiem.
Nicht mehr junge Körper, die sich in einem jahrhundertealten Wald bewegen, während das Licht des späten August durch die Buchen fällt: So etwas findet man selten in einem Veranstaltungskalender der Berge – und es ist wohl der beste Grund, bis zum Abend im Cansiglio zu bleiben.
Vor der Abfahrt
- Anfahrt — Pian del Cansiglio, Tambre (Provinz Belluno). Die Hochebene erreichen Sie über die Straße von Vittorio Veneto oder aus dem Alpago; auf der Ebene stehen Parkplätze zur Verfügung. Für die Abendtermine gibt es praktisch keine öffentlichen Verkehrsmittel – ein Auto ist nötig.
- Alpiner Botanischer Garten — geöffnet vom 24. Mai bis 27. September: Samstag, Sonntag und Feiertage 10.00-12.30 und 14.00-18.00 Uhr; Mittwoch bis Freitag 10.00-12.00 und 13.00-17.00 Uhr. Eintritt 3 €, ermäßigt 1 € (14-18 Jahre), 2 € für Erwachsenengruppen ab zehn Personen, frei für Kinder unter 14 Jahren sowie für Menschen mit Behinderung und ihre Begleitpersonen. Die Führungen sind im Eintritt enthalten.
- Anmeldung und Kosten der Wanderungen — für die Termine am 28., 29. und 30. August nennt der offizielle Kalender weder Treffpunkt noch Teilnahmegebühr oder Anmeldepflicht: Bitte klären Sie das vor der Anreise direkt mit den Veranstaltern.
- Kontakte — Associazione Naturalistica Lorenzoni (Botanischer Garten): +39 0438 581757, associazionelorenzoni@gmail.com. Fondazione DMO Dolomiti Bellunesi: segreteria@dmodolomiti.it.
- Praktische Hinweise, keine Vorgaben des Programms: Auf 1.000 Metern sinkt die Temperatur nach Sonnenuntergang auch im August rasch – Zwiebelprinzip und Windjacke. Für die Abendtermine Wanderschuhe und Stirnlampe. Bei schlechtem Wetter erkundigen Sie sich bei den Veranstaltern.
- Sprache — die Führungen finden auf Italienisch statt.
Eine andere Vorstellung von Bergen
Der Cansiglio konkurriert nicht mit den Dolomiten, er hat eine andere Aufgabe. Es gibt keinen Gipfel zu erobern und keine Wand, die man im Morgenlicht fotografiert – und genau deshalb zwingt er zur Langsamkeit. Hier verbraucht man die Landschaft nicht mit den Augen: Man durchquert sie zu Fuß und hört ihr zu. Deshalb funktioniert ein Wochenende so gut, das um eine Abendwanderung, eine Stunde Stille zwischen Buchen und einen Museumsbesuch herum gebaut ist.
Wenn Sie den Sommer ohne Warteschlangen ausklingen lassen möchten, ist dies einer jener Orte der Belluneser Dolomiten, die sich am meisten lohnen. Und für die Rückfahrt bleibt die ganze Straße hinunter zum venezianischen Ortskern von Serravalle: Dieselbe Serenissima, die hier oben Bäume zählte, baute dort unten Paläste.
Quellen
- Eventi Cansiglio 2026 — Fondazione DMO Dolomiti Bellunesi (offizielles Programm)
- Cansiglio estate 2026 und Öffnungszeiten und Führungen — Associazione Naturalistica Lorenzoni
- Sehenswürdigkeiten des Pian del Cansiglio — Veneto Agricoltura
- Le origini — Kulturverein Cimbri del Cansiglio
Titelbild: Nachmittagslicht zwischen den Buchen des Cansiglio-Waldes. Foto: AnnaEsse5, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

