Der Wolf ist zurück: Angst, Zusammenleben und Verantwortung

Der Wolf ist zurück: Angst, Zusammenleben und Verantwortung

Zu sagen, dass der Wolf zurück ist, beendet die Diskussion nicht. Manche fürchten um ihren Hund, andere müssen ihr Vieh schützen: Keinem von beiden hilft eine Karikatur. Zusammenleben beginnt dort, wo konkrete Fragen an die Stelle von Parolen treten.

Felswände der Schiara-Gruppe über bewaldeten Hängen
Die Schiara-Gruppe in den Dolomiti Bellunesi (Belluneser Dolomiten); Archivfoto. Foto: Ziegler175 — CC BY-SA 3.0 — via Wikimedia Commons (Dateiseite); Nutzungsbedingungen.

Ein echtes Tier, jenseits der Märchen

Der Wolf muss oft für etwas Größeres herhalten: für die wiedergewonnene Natur, für die Entvölkerung der Täler, für den Abstand zwischen Stadt und Berg. Solche Deutungen verdienen Gehör, können aber das Tier selbst und die tatsächlichen Probleme verdecken. Eine ernsthafte Debatte sollte es erlauben, eine Schwierigkeit anzuerkennen, ohne dass man sich deshalb für ein Lager entscheiden muss.

Das Projekt LIFE WolfAlps EU hat einen Bericht über die Verbreitung des Wolfs in den Alpenregionen für den Zeitraum 2020–2024 veröffentlicht. Dieser Zeitraum gehört zur Angabe dazu: Wir benennen den Bericht nicht um in „censimento del Bellunese 2026“ (Übersetzung: „Bestandserhebung für das Bellunese 2026“). Hinweise, identifizierte Individuen, Paare und Rudel sind keine Kategorien, die man einfach addieren kann, als bezeichneten sie dasselbe.

Eine aktuelle Zahl der Rudel in der Provinz nennen wir hier nicht. Mit einer Zahl einzusteigen wäre verlockender, doch Leserinnen und Leser müssen vor allem verstehen, was eine solche Zahl überhaupt erklären kann. Um eine Begegnung einzuordnen, braucht es Ort, Verhalten, Entfernung und Zusammenhang; eine Schätzung für ein großes Gebiet beschreibt nicht automatisch die Situation, die wir gerade vor uns haben.

Angst ernst nehmen – und in Information verwandeln

Wer sich Sorgen macht, dem hilft es nicht, zu hören, das sei irrational. Er muss wissen, an wen er sich wenden kann, welches Verhalten er vermeiden sollte und was es zu melden gilt. Auch wer sich für den Artenschutz einsetzt, sollte sich genaue Informationen wünschen: Schweigen über problematische Vorfälle schützt die Tiere nicht und überlässt das Feld Geschichten, die sich schwerer überprüfen lassen.

Die ISPRA (das italienische Institut für Umweltschutz und Umweltforschung) hat ein Protokoll erarbeitet, um urbane und zutrauliche Wölfe zu erkennen und mit ihnen umzugehen. Die Unterscheidung bezieht sich auf Verhalten und Umstände, nicht auf ein neues Etikett für jedes Tier, das in der Nähe eines Dorfes gesichtet wird. Monitoring und Bewertung sind Sache der zuständigen Behörden. Wer ein Video gesehen hat, ist dadurch noch kein Experte für Wildtiermanagement.

Das ist auch eine Verantwortung all jener, die in sozialen Netzwerken posten: angeben, wann und wo eine Szene gefilmt wurde, ungefähre Ortsangaben vermeiden, ein bereits kursierendes Video nicht als neu ausgeben. Bevor man einen Alarm teilt, nach der Quelle zu fragen, ist eine Form der Rücksicht gegenüber den Nachbarn – und keine Leugnung dessen, was sie erlebt haben.

Wenn du einem Wolf begegnest: Lass ihm Raum

Ruhender Grauwolf, von vorn gesehen
Ruhender Grauwolf, Archivfoto aus dem Jahr 2003; Aufnahmeort im eingesehenen Dateieintrag nicht angegeben. Foto: Gary Kramer — Public domain — via Wikimedia Commons (Dateiseite); Nutzungsbedingungen.

Die Hinweise des Servizio forestale della Provincia di Bolzano (Forstdienst der Provinz Bozen) raten, Abstand zu halten und ruhig zu bleiben, nicht wegzurennen und das Tier weder anzulocken noch zu füttern. Ist einem die Situation unbehaglich, soll man sich bemerkbar machen und langsam zurückweichen. Man soll sich ihm nicht nähern, um es zu fotografieren, und ihm nicht folgen, nachdem es sich entfernt hat.

Nähert sich ein Tier beharrlich oder folgt es einer Person, sollte die Situation den zuständigen Stellen gemeldet werden; im Notfall die 112 wählen. Eine allgemeine Empfehlung ist kein Versprechen, dass jede Begegnung gleich ausgeht. Das beobachtete Verhalten zählt mehr als jede absolute Beruhigung.

«Mantieni la distanza, rimani calmo e non scappare.» (Übersetzung: „Halte Abstand, bleib ruhig und lauf nicht weg.“)

Provincia autonoma di Bolzano — Hinweise für die Begegnung mit einem Wolf

Wer Tiere hält, braucht einen Ansprechpartner

Wer über Zusammenleben spricht, ohne denen zuzuhören, die die Tiere auf der Weide betreuen, führt eine unvollständige Debatte. Über Herdenschutz muss man auch im Hinblick auf den nötigen Arbeitsaufwand, die Besonderheiten der Orte, Unterstützung und Kontinuität reden. Es genügt nicht, ein Instrument zu benennen und anzunehmen, dass seine bloße Verfügbarkeit jedes Problem automatisch löst.

Im Jahr 2026 hat die Regione Veneto (Region Venetien) die Ausschreibung Melken (bando Melken) für neue Methoden zur Vorbeugung von Rissen auf den Almen veröffentlicht, mit einem angegebenen Budget von 400.000 Euro. Der eingesehene Eintrag richtet sich an öffentliche Begünstigte und nennt als Frist den 23. November 2026, 23:59 Uhr. Es ist daher nicht korrekt, sie als Entschädigung darzustellen, die jedem Tierhalter automatisch zur Verfügung steht.

Dass es eine Maßnahme gibt, beweist nicht, dass sie bereits umgesetzt wurde oder ein bestimmtes Ergebnis gebracht hat. Der Schritt von bereitgestellten Mitteln zu konkreten Eingriffen verdient einen eigenen, späteren Bericht – mit Dokumenten und namentlich erkennbaren Personen. Bis dahin sollte jeder, der eine Ausschreibung liest, Zielgruppe, Anlagen und etwaige Berichtigungen prüfen, bevor er Entscheidungen trifft.

Die Sicht derer, die auf der Alm arbeiten

Zwei Wölfe in einem felsigen Gehege im Alpenzoo; einer zeigt dem anderen die Zähne
Eurasische Wölfe in Gefangenschaft im Alpenzoo Innsbruck, 2024; keine Begegnung in den Dolomiti Bellunesi. Foto: Wilfredor — CC0 — via Wikimedia Commons (Dateiseite); Nutzungsbedingungen.

Der Bericht eines Schafhalters aus dem Alpago

Inzwischen liegt ein Erfahrungsbericht vor, aufgezeichnet von der italienischen Tageszeitung Il Gazzettino. Igor De March hält seit 2005 Schafe in Pian Formosa, Gemeinde Chies d’Alpago. In einer Nacht von Dienstag auf Mittwoch drang ein Wolf in seinen Pferch ein: Sechs Schafe wurden getötet, ein siebtes schwer verletzt. In der folgenden Nacht entschied sich der Halter, neben seiner Herde zu schlafen.

Herdenschutz war vorhanden. De March beschreibt einen doppelten, 145 Zentimeter hohen Elektrozaun, verstärkt durch einen zusätzlichen Pfahl zwischen den regulären, und einen Maremmano-Herdenschutzhund im Pferch, der die übrigen 140 Schafe dennoch rettete. Er nennt auch die Kosten: rund tausend Euro pro Jahr für den Hund und etwa 5.000 Euro für Netze und Ausrüstung. Doch er betont, dass es nicht ums Geld geht: Eine mögliche Entschädigung wiegt die tägliche Arbeit nicht auf, mit der er die Landschaft pflegt.

Es ist der erste Angriff in mehr als zwanzig Jahren Tätigkeit, und er erlebt ihn als entmutigend, weil, trotz aller Vorkehrungen, so seine Beobachtung, „die Wölfe hier kommen und gehen, wann und wie sie wollen“. Er fordert mehr Einsatz von den Institutionen und befürchtet, dass im Alpago, wo es heute viele Tierhalter gibt, nur wenige bleiben werden.

Im selben Bericht nennt Toni Zaccaria von der Genossenschaft Fardjma Zahlen für den Talkessel: rund neunzig Halter und etwa 3.000 Schafe der Rasse Alpago, mit mehr als 600 gerissenen Tieren in den letzten viereinhalb Jahren und rund hundert im letzten Monat. Laut Zaccaria fehlte der Wolf etwa zwei Jahrhunderte im Alpago, bevor er 2017 zurückkehrte; die Schafe halten rund 1.400 Parzellen gepflegt, die sonst niemand erreichen würde. Es handelt sich um Angaben eines Vertreters der Tierhalter, nicht um Daten eines offiziellen Monitorings, und wir geben sie mit dieser Zuordnung wieder.

Diese Stimme beendet die Diskussion nicht, macht sie aber konkreter: Sorgfältig umgesetzter Herdenschutz kann trotzdem nicht ausreichen. Ein Grund mehr, über die Zeit zu verfolgen, was die angekündigten Maßnahmen auf den Weiden tatsächlich bewirken.

Auch Besucher haben eine Aufgabe: sich nicht an Zäunen und Ausrüstung zu schaffen machen, fragen, bevor man Arbeitsbereiche durchquert, und Abstand zu den Tieren halten. Der Wunsch nach einem Foto darf nicht zu zusätzlicher Mühe für diejenigen werden, die gerade bei der Arbeit sind.

Mit Hund sind wir anders auf dem Weg unterwegs

Wer mit Hund wandert, sollte die Tour auch mit Blick auf seinen Begleiter planen. Im Parco Nazionale Dolomiti Bellunesi (Nationalpark Belluneser Dolomiten) ist die Leine vorgeschrieben. Diese Regel gilt es einzuhalten, bevor es überhaupt zu einer Begegnung mit Wildtieren kommt – sie ist keine Vorsichtsmaßnahme, die man improvisiert, wenn der Hund schon weit weg ist.

Der Hund ist kein Freibrief, sich Wildtieren zu nähern. Bleibt er nah bei uns, bleibt auch unser eigenes Handeln besser kontrollierbar; lässt man ihn unkontrolliert herumstreifen, kommt zusätzliche Unsicherheit ins Spiel. Dieselbe Aufmerksamkeit gilt in der Nähe von Weiden: Zu bedenken sind die Tiere vor Ort, die Menschen, die dort arbeiten, und gegebenenfalls die Hunde, die beim Hüten des Viehs eingesetzt werden.

Es gibt keine Formel, die jede Situation in eine risikolose Begegnung verwandelt. Es gibt aber die Möglichkeit, eine andere Route zu wählen, auf eine Rast zu verzichten und sich in Ruhe zu entfernen. Wer solche Entscheidungen als Niederlage betrachtet, schafft sich ein zusätzliches Problem: etwas beweisen zu wollen, gerade dann, wenn er eigentlich beobachten müsste.

Informationen und Meldungen. Diese Hinweise ersetzen nicht die Einschätzung vor Ort. Bei unmittelbarer Gefahr die 112 wählen. Für Sichtungen und auffälliges Verhalten die offiziellen Kanäle der örtlich zuständigen Behörde nutzen; sich dem Tier nicht nähern, es nicht einfangen und nicht versuchen, selbst mit ihm fertigzuwerden.

Die Landschaft ist keine leere Kulisse

In den Dolomiten treffen unterschiedliche Wünsche aufeinander. Die einen suchen die Stille, die anderen wollen ihrer Arbeit nachgehen, wieder andere erforschen die Tierwelt. Keine dieser Erfahrungen kann allein für das ganze Gebiet stehen. Wer diese Vielfalt anerkennt, kann über eine konkrete Maßnahme sprechen, ohne sie sofort in ein Urteil über die Würde derer zu verwandeln, die sie vorschlagen.

Unsere redaktionelle Entscheidung ist es, Quellen, Grenzen und offene Fragen sichtbar zu machen. Nicht versprechen, dass alles einfach ist; nicht jede Spur mit einem Notfall gleichsetzen; die Arbeit in der Landwirtschaft nicht als lästiges Detail behandeln. Ein guter Artikel sollte die Leser besser befähigen zu unterscheiden – und sie nicht bloß in ihrer eigenen Meinung bestärken.

Ein Zusammenleben, das sich überprüfen lässt

Wir können verlangen, dass Monitoringergebnisse verständlich aufbereitet, Verfahren erklärt und die Ergebnisse des Herdenschutzes über die Zeit dokumentiert werden. Das sind Forderungen, die mit unterschiedlichen Haltungen vereinbar sind. Sie lenken die Diskussion auf das, was sich beobachten und verbessern lässt, ohne zu verlangen, dass der Widerspruch verschwindet.

Vor dem Aufbruch lohnt ein Blick auf die Seite zum Parco Nazionale Dolomiti Bellunesi und auf die Regeln in Vivere le Dolomiti con libertà e rispetto (Die Dolomiten in Freiheit und mit Respekt erleben). Der Herbstführer für die Dolomiti Bellunesi hilft, die Tour in die Jahreszeit einzuordnen; der Beitrag Dormire in rifugio: come funziona (Übernachten in der Hütte: So funktioniert’s) erinnert daran, wie wichtig es ist, Stützpunkte vorab zu prüfen. Der Wolf ist ein Teil der Umwelt: Den Tag gut zu planen, bleibt eine Verantwortung, die weit darüber hinausgeht.

Was eine gute Meldung ausmacht

Eine nützliche Information trennt das Gesehene vom Vermuteten. Ein Tier zu beschreiben, das eine Straße überquert, ist etwas anderes, als ihm eine Absicht zu unterstellen; eine geschätzte Entfernung anzugeben ist etwas anderes, als einen Messwert zu kennen. Wichtige Beobachtungen lassen sich auch weitergeben, ohne ein Individuum mit Sicherheit zu erkennen. Wer Unsicherheit offen benennt, verhindert, dass aus einer Vermutung beim Weitererzählen von Mensch zu Mensch eine Tatsache wird.

Eine Redaktion sollte vor der Veröffentlichung das Originalmaterial, das Datum und die Zustimmung zur Nutzung einholen. Sie sollte auch offenlegen, ob die Bestimmung des Tieres von einer zuständigen Behörde stammt oder von der Person, die das Video geschickt hat. Diese Methode wischt die Sorge nicht weg: Sie macht es leichter, sie an den richtigen Ansprechpartner heranzutragen, und verringert das Risiko, Alarm für den falschen Ort zu schlagen.

Wünschenswert ist eine Gemeinschaft, die meldet, ohne nachzustellen. Niemand sollte sich nähern, um einen besseren Beweis zu bekommen, oder sich selbst und die Tiere in Gefahr bringen, um eine Geschichte zu vervollständigen.

Unsere Verpflichtung

  • Wildtiere nicht füttern.
  • Den Hund dort, wo es vorgeschrieben ist, an der Leine und stets unter Kontrolle halten.
  • Abstand lassen und dem Tier Raum zum Ausweichen geben.
  • Die Arbeit der Tierhalter anerkennen.
  • Daten, Meldungen und Meinungen auseinanderhalten.
  • Bei konkreten Problemen die offiziellen Kanäle nutzen.

Zuvor in dieser Reihe: Vaia, acht Jahre danach: Der Wald ist wieder grün, aber nicht mehr derselbe

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Dologo Bot

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