Warum heißt der Passo Giau so? Die Geschichte hinter seinem Namen

Titelbild: der Passo Giau von Süden, mit der Ra Gusela im Vordergrund und dem Nuvolau dahinter. Foto: Frisia Orientalis, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Vier Buchstaben. Giau ist einer der kürzesten Namen der Dolomiten — und höchstwahrscheinlich einer der ältesten.

Tausende Radfahrer, Motorradfahrer und Autofahrer sprechen ihn jeden Sommer aus, wenn sie von Cortina oder von Selva di Cadore heraufkommen. Er steht in den Etappen des Giro, unter Sonnenaufgangsfotos, auf Straßenschildern. Fast niemand fragt, woher er kommt.

Dabei hat dieses Wort eine sehr lange Geschichte hinter sich: Es gehört zu jenen Namen, die weder an einen Heiligen noch an eine Familie noch an ein Ereignis erinnern, sondern schlicht sagen, was der Ort ist.

Im ersten Beitrag dieser Reihe haben wir gesehen, dass Staulanza die Erinnerung an die stavoli bewahrt, an einen bewohnten und bearbeiteten Berg. Giau erzählt, wenn die Quellen tragen, etwas anderes: einen Berg, der überquert wurde.

Panorama vom Passo Giau mit der Ra Gusela und der Nuvolau-Gruppe in der Mitte und den Tofane rechts
Panorama vom Passo Giau: in der Mitte die Gusela und die Nuvolau-Gruppe, rechts im Hintergrund die Tofane. Foto: TheoCole.nl, Wikimedia Commons, CC BY 2.5

Die Antwort steckt in einem lateinischen Wort: iŭgum

Beginnen wir mit der solidesten verfügbaren Quelle, dem Vocabolario Treccani, dem Standardwörterbuch des italienischen enzyklopädischen Nationalinstituts. Beim Stichwort giógo steht die Etymologie gleich in eckigen Klammern: vom lateinischen iŭgum, dem Joch.

So weit nichts Überraschendes: Ein giogo ist der hölzerne Balken, den man einem Ochsengespann auf den Nacken legte. Doch der Eintrag geht weiter, und bei der Bedeutung 6.b kommt die Stelle, auf die es ankommt. Hier im Original und anschließend auf Deutsch:

«Valico montano; il termine compare in toponimi alpini (per es., Giogo dello Stelvio), spesso con varianti dialettali (ladino dolomitico giou, giau), e in toponimi appenninici.»
«Gebirgspass; der Ausdruck erscheint in alpinen Flurnamen (z. B. Giogo dello Stelvio), häufig in mundartlichen Varianten (dolomitenladinisch giou, giau), und in Flurnamen des Apennins.»Istituto della Enciclopedia Italiana — Treccani, Vocabolario, Eintrag giógo

Der Satz ist kurz und lohnt zweimaliges Lesen. Die Treccani sagt drei Dinge auf einmal: dass giogo auch Gebirgspass bedeutet; dass dieses Wort in alpinen Flurnamen erscheint; und dass es dort häufig in mundartlichen Formen auftritt — unter denen sie ausdrücklich die beiden dolomitenladinischen Varianten nennt: giou und giau.

Das Wort in Kürze

IŶGUM  →  GIOGO  →  GIOU / GIAU  →  PASSO GIAU

Vom Latein ins Dolomitenladinische, mit einer Bedeutung, die sich nie geändert hat: der Übergang.

🟢 Verlässlichkeit der Etymologie: belegt

Eine Einschränkung, der Ehrlichkeit halber: Die Treccani belegt das Wort giau und hält fest, dass diese Wortfamilie in alpinen Flurnamen vorkommt — sie nennt den Passo Giau aber nicht ausdrücklich, wie sie es bei staulanza getan hat. Diesen letzten Zentimeter legen wir zurück: ein Pass in den ladinischen Dolomiten, der genau Giau heißt. Der Schritt ist sehr klein, aber man sollte sagen, dass wir ihn tun.

Als «giogo» auch den Pass meinte

Heute denkt man beim italienischen Wort giogo vor allem an das Ochsenjoch — oder an die Metapher der Unterwerfung. Die geografische Bedeutung ist fast unsichtbar geworden.

Die Treccani verzeichnet sie dennoch in zwei Stufen: zuerst den «langen, gerundeten Bergrücken», dann den «Gebirgspass». Der Bedeutungswandel ist sehr anschaulich: Ein Ochsenjoch ist ein leicht gebogener Balken zwischen zwei hohen Punkten, und genau dieses Profil — zwei Gipfel mit einer Senke dazwischen — sieht man, wenn man von unten zu einem Pass hinaufblickt.

Dasselbe Wort hat in halb Italien Spuren hinterlassen, vom Giogo dello Stelvio in den Alpen bis zum Giogo di Scarperia im Apennin. In den Ostalpen begegnet es uns in anderen Sprachen verkleidet: als deutsches Joch und als zovo in den venetischen und cadorinischen Mundarten.

Für diese letzte Form gibt es eine Bestätigung aus nächster Nähe, und sie ist zitierenswert, weil sie aus einer Arbeit mit Beiträgen von Giovan Battista Pellegrini stammt, dem bedeutendsten italienischen Erforscher der alpinen Namenlandschaft, geboren in Cencenighe Agordino. In einer Arbeit von Piergiorgio Cesco-Frare über die Bergnamen des Comelico heißt es, «Zovo (im Comelico Dóo) kommt eindeutig von jugum im Sinne von ‘Gebirgsübergang’».

Rund fünfzig Kilometer vom Giau entfernt ist dieselbe lateinische Grundlage also von einem Fachmann für einen anderen Übergang belegt. Das ist kein direkter Beweis für Giau, zeigt aber, dass die sprachliche Familie real und genau in dieser Ecke der Alpen lebendig ist.

Die ladinischen Formen: Jof de Giau und Śuogo de Jou

Der Pass ist auch in zwei ladinischen Formen bekannt: Jof de Giau im Ladinischen von Livinallongo (Fodom) und Śuogo de Jou im Ampezzanischen. So stehen sie in den enzyklopädischen Online-Einträgen und werden von sehr vielen Websites wiederholt.

Hier müssen wir transparent sein: Wir konnten sie in keinem Wörterbuch und in keiner Veröffentlichung eines ladinischen Kulturinstituts überprüfen. Bis das gelingt, geben wir sie als geläufige Formen wieder, nicht als gesicherten Befund.

Belegt ist dagegen die Bedeutung der Wörter, die dem Namen vorangehen. In Pino Videsotts Verzeichnis der ladinischen geografischen Begriffe aus Enneberg, veröffentlicht von der Italienischen Geographischen Gesellschaft, bedeutet das Appellativ ju, juèl «Joch». Und jof sowie śuogo sind die örtlichen Entsprechungen desselben Wortes.

Der Steig, der von der Forcella Nuvolau über die Hochweiden zum Passo Giau hinunterführt
Der Steig von der Forcella Nuvolau hinunter zum Passo Giau. Foto: Marco Ober, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Daraus ergibt sich ein Detail, das Namenforscher gut kennen: Jof de Giau hieße wörtlich «Joch von Giau» — also «Joch des Jochs». Das ist weder ein Fehler noch eine Kuriosität. Es geschieht ständig, sobald ein Wort für die Sprechenden nicht mehr durchsichtig ist und als Eigenname empfunden wird, sodass man ihm den Gattungsbegriff wieder voranstellt. Dasselbe Prinzip steckt in «der Fluss Rio Grande» oder in der «Wüste Sahara», die bereits Wüste bedeutet.

Bedeutet Giau aber wirklich «weite Weide»?

Es kursiert auch eine andere Erklärung, wonach Giau «weite Weide» bedeuten soll. Wir haben danach gesucht, denn wenn es eine seriöse Quelle dafür gäbe, müsste man sie nennen.

Wir haben keine gefunden. Sie steht nicht in der Treccani, nicht in den italienischen und englischen enzyklopädischen Einträgen zum Pass — die zur Etymologie überhaupt schweigen — und nicht auf dem staatlichen Tourismusportal italia.it, das die Geschichte des Übergangs sehr wohl erzählt. Wer sie behauptet, tut es, ohne die Herkunft anzugeben.

Es lohnt sich aber zu verstehen, warum diese Erklärung so einleuchtend klingt, denn der Grund ist aufschlussreich. Der Giau ist historisch tatsächlich eine große Weide: Die Archivakten, auf die wir gleich kommen, sprechen jahrhundertelang von «Wäldern und Weiden auf dem monte Giau», und bis heute gehört der Pass zu den Almen der Regole von San Vito di Cadore. Die Weide gibt es also durchaus — sie gehört nur zur Geschichte des Ortes, nicht zur Etymologie des Namens.

Das ist eine der häufigsten Verwechslungen in der Namenkunde, und eine einzige Frage bewahrt davor: Beschreibt die Quelle den Ort, oder rekonstruiert sie das Wort?

Der Giau war wirklich ein Ort des Durchgangs

Eine Etymologie wird überzeugend, wenn das Gelände ihr recht gibt. Hier gibt das Gelände ihr geradezu peinlich genau recht.

Das Istitut Ladin Micurà de Rü dokumentiert an der Forcella Giau zwei vorgeschichtliche Fundstellen, VF20 und VF21, zwischen 2.276 und 2.330 Metern Höhe, in der Gemeinde San Vito di Cadore. Bei Prospektionen zwischen 1999 und 2001 wurden dort «etwa sechzig Artefakte aus geschlagenem Feuerstein» aufgesammelt, dem Mesolithikum (9.500–5.500 v. Chr.) zugeordnet. Die Funde werden im Museo Vittorino Cazzetta in Selva di Cadore und, als Leihgabe auf Zeit, an der Universität Ferrara verwahrt.

Eine geografische Klarstellung gleich vorweg, weil die drei oft verwechselt werden: Der Passo Giau ist der Straßenpass; die Forcella Giau ist eine andere, höhere Scharte in der Nähe; Mondeval de Sora ist die Hochfläche, die sich südöstlich auf rund 2.150 Metern öffnet.

Ebendort, auf Mondeval, kam im vergangenen Jahrhundert eine der außergewöhnlichsten Bestattungen der europäischen Vorgeschichte zutage. Das Museum für Paläontologie und Vorgeschichte «P. Leonardi» der Universität Ferrara, das die Grabungen leitete, verortet die Fundstelle «am Talschluss des Val Fiorentina, auf etwa 2.150 m Höhe»: das Grab eines etwa vierzigjährigen Mannes, der vor rund siebentausend Jahren lebte, unter einem Felsblock niedergelegt, mit mehr als sechzig Beigaben aus Stein, Knochen und Hirschgeweih.

Er ist der Mann von Mondeval, und seine Bestattung ist die reichste mesolithische Höhenbestattung, die man in Italien kennt.

Museale Rekonstruktion der mesolithischen Bestattung von Mondeval de Sora mit Skelett und Grabbeigaben
Die Bestattung von Mondeval de Sora im Museo Vittorino Cazzetta in Selva di Cadore. Foto: Thilo Parg, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Der Punkt ist für uns nicht die Archäologie an sich. Der Punkt ist, dass vor achttausend Jahren schon jemand dort hinaufstieg — und um hinaufzukommen, ging er hier durch. Ein Name, der «Pass» bedeutet, beschreibt keine jüngere Funktion: Er beschreibt das Älteste, was sich über diesen Ort sagen lässt.

Als der Übergang zur Grenze wurde

Ein Durchgang zu sein hat eine unvermeidliche Folge: Früher oder später entscheidet jemand, wo das eigene Gebiet endet und das der anderen beginnt. Auf dem Giau hat diese Entscheidung mehr als vier Jahrhunderte gebraucht.

Die Belege sind aus erster Hand und liegen in Innsbruck. Das Verzeichnis des Bestands Grenzakten im Tiroler Landesarchiv, erstellt vom Italienisch-Deutschen Historischen Institut der Stiftung Bruno Kessler, führt den Streit Faszikel für Faszikel auf:

Vier Jahrhunderte Akten

1318–1605 — «zwischen den Gemeinschaften von Ampezzo und San Vito umstrittene Gebiete, insbesondere der Monte Giau»

1557–1590 — «Streitigkeiten zwischen Ampezzo und San Vito um die Nutzung der Wälder und Weiden auf dem monte Giau und Chiostego»

1686–1753 — «Streitigkeiten zwischen Ampezzo und San Vito um die Grenzen der Wälder und Weiden, insbesondere auf dem monte Giau»

Quelle: Verzeichnis der Grenzakten, Tiroler Landesarchiv Innsbruck (FBK – Italienisch-Deutsches Historisches Institut).

Wer grenzte hier genau an wen? Das sollte man präzise sagen, denn die geläufige Kurzformel «Grenze zwischen Italien und Österreich» ist gleich doppelt falsch: Im 18. Jahrhundert gab es Italien nicht, und die Gegenseite war nicht allgemein «Österreich».

Ampezzo gehörte seit 1511 zur Grafschaft Tirol und damit zu den habsburgischen Ländern: Die Regole d’Ampezzo datieren die Einnahme der Burg Botestagno auf den 18. Oktober jenes Jahres. San Vito di Cadore gehörte zum Cadore und damit seit dem frühen 15. Jahrhundert zur Republik Venedig. Etwas weiter westlich war Colle Santa Lucia Besitz des Fürstbischofs von Brixen, wie die Gemeinde selbst festhält und dabei auf Nachrichten von 1145 verweist.

Auf dem Giau berührten sich also nicht zwei moderne Staaten, sondern zwei Berggemeinschaften, die zwei verschiedenen Landesherrschaften unterstanden. Und genau deshalb musste, als der Streit untragbar wurde, eine internationale Kommission eingreifen.

1753

Als man auf dem Giau eine Grenze aus Stein baute

Beendet wurde der Streit vor einer internationalen österreichisch-venezianischen Kommission, die in Rovereto tagte und zugunsten von San Vito di Cadore entschied. Das Urteil trägt das Datum 20. Oktober 1752; die Ratifikation durch Venedig und Wien folgte im Juni des nächsten Jahres.

Die Sanvitesen behielten ihre Rechte, aber unter einer Bedingung: Sie mussten auf eigene Kosten eine Trockenmauer errichten, die das Vieh am Überqueren hinderte. Das Urteil schrieb «eine marogna von sechs Fuß Höhe, unten fünf Fuß und oben zwei Fuß stark» vor.

Laut einer Abschlussarbeit der Universität Padua über die Felsritzungen der Regola Granda von San Vito begannen die Arbeiten am 24. Juni 1753 und endeten am 18. September desselben Jahres. Weniger als drei Monate für rund zwei Kilometer Trockenmauer oberhalb von 2.000 Metern.

An beiden Enden wurden zwei Tafeln mit den Wappen der beiden Landesherrschaften eingemauert: der Markuslöwe aus Castellavazzo-Stein und der habsburgische Adler aus weißem Marmor. Entlang der Linie wurden zehn Grenzsteine gesetzt. Einer davon, der achte, ist der sogenannte Sasso Rosso: ein Block, der schon Ritzungen früherer Epochen trug und den die Mauer einfach einschloss.

Die Reste der Trockenmauer der Marogna di Giau zwischen Gras und Geröll
Was von der Marogna di Giau geblieben ist. Foto: Naunede, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Wer heute von Pocol heraufkommt, überquert sie, ohne es zu merken: Nach etwa sechs Kilometern zeigt links ein Stein mit der Jahreszahl 1753 die Stelle an, an der die Straße durch den Rest der Marogna schneidet. Das staatliche Tourismusportal italia.it beschreibt sie als «Steinwall, den die Cadoriner damals errichteten, um die Grenze zum Ampezzaner Gebiet festzulegen».

1779: die Grenze wird aufgeschrieben

Ganz erledigt war die Sache mit der Mauer nicht. Sechsundzwanzig Jahre später, am 20. August 1779, unterzeichneten Ampezzo und San Vito einen Vertrag, der die gesamte Grenzlinie im Einzelnen beschrieb. Das Innsbrucker Verzeichnis fasst ihn so zusammen — und es lohnt sich, ihn zu lesen, denn er ist eine in Worte gefasste Landkarte:

«Vertrag und Vollzugsprotokoll vom 20. August 1779 zwischen Ampezzo und S. Vito, beginnend bei der Festung des monte Giaù, über die Quellen des monte Termin, die Gipfel der Crode des monte Ambrizzola, Rochetta di Selvaniera, den Fluss Boite querend bei der Lasta dell’Agnella, dann zum Fuß des monte Larietto bis zum Gipfel des monte Soprapiz»
Verzeichnis der Grenzakten, Tiroler Landesarchiv Innsbruck (aus dem Italienischen übersetzt)

Die Grenze beginnt, wie man sieht, genau beim monte Giau. Das war kein beliebiger Punkt am Berg: Es war der Punkt, von dem aus alles Weitere gezählt wurde.

Weiden, Regole und Grenzen: als der Berg sehr viel wert war

Bleibt die Frage, warum jemand vier Jahrhunderte lang streitet und ein Vermögen für eine Mauer auf 2.000 Metern ausgibt. Die Akten selbst antworten: Gestritten wurde um Wälder und Weiden.

Es ging nicht um Privatbesitz. In diesen Bergen gehörte die Weide den Gemeinschaften gemeinsam und wurde von den Regole nach drei unnachgiebigen Grundsätzen verwaltet, die die Regole d’Ampezzo so zusammenfassen: Die Güter dürfen nicht verkauft, nicht geteilt und nicht ersessen werden. Eine verlorene Weide war für immer verloren, für alle und für jede folgende Generation.

Die Regole d’Ampezzo halten selbst fest, dass die gemeinsamen Wälder an den Grenzen zu Toblach, San Vito und Auronzo «Anlass zu Streit, Zwist und jahrzehntelangen Prozessen» waren, und dass die Grenze zu Toblach zwar schon 1536 festgelegt wurde, jene zu Auronzo und San Vito aber «über zweihundert Jahre» brauchte.

Die weite Weidehochfläche der Alpe Mondeval im Gebiet von San Vito di Cadore
Die Alpe Mondeval: die Hochweide, um die es jahrhundertelang wirklich ging. Foto: Naunede, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Hier reichen sich der Giau und der Staulanza die Hand. Dort bewahrt der Name die Erinnerung an jene, die auf dem Berg blieben, um ihn zu bearbeiten; hier zeigt die Geschichte, was eben diese Arbeit wert war — genug für eine internationale Kommission und zwei Kilometer Stein.

Und der Faden ist nicht gerissen: Die Regole von San Vito di Cadore bewirtschaften noch heute die Almen Giau, Mondeval de Sora, Prendera und Fiorentina-Dorona, mit dem Vieh vom 15. Juni bis zum 15. September in der Höhe und Milchkühen auf der Malga Giau. Die Weide, um die im 18. Jahrhundert prozessiert wurde, ist noch immer eine Weide.

Der Lago delle Baste auf der Hochfläche von Mondeval, umgeben von Wiesen und Felsgipfeln
Der Lago delle Baste auf Mondeval. Foto: El-turbio, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Ein letztes Detail schließt den Kreis fast zu schön. 1999 wurde unweit davon, am Lago delle Baste, eine Sandsteinplatte mit einer Inschrift im venetischen Alphabet gefunden — und unter den Deutungen ihres Zwecks gilt die Grenzmarkierung als die wahrscheinlichste. Wenn das zutrifft, werden auf dieser Hochfläche schon seit vorrömischer Zeit Grenzen gesetzt: die venetische Platte, die mittelalterlichen Ritzungen am Sasso Rosso, die Marogna von 1753, der Vertrag von 1779. Vier verschiedene Arten, über zweitausend Jahre hinweg, dasselbe zu sagen: bis hierher.

Vom alten Übergang zum heutigen Passo Giau

Der Pass öffnet sich auf etwa 2.236 Metern und verbindet das Becken von Cortina d’Ampezzo auf der Seite des Val Boite mit dem Val Fiorentina und damit dem Einzugsgebiet des Cordevole, Richtung Selva di Cadore und Colle Santa Lucia. Das Gebiet östlich des Passes gehört zu San Vito di Cadore: Vier Gemeinden treffen also an diesem Sattel zusammen.

Bei der Höhenangabe sind sich die Quellen nicht ganz einig — 2.233, 2.236 und sogar 2.305 Meter stehen gedruckt — und das Vernünftigste ist, auf einen Unterschied von wenigen Metern nichts zu bauen. Der Wert 2.236 ist der häufigste und wird sowohl von der Informationsseite zu Colle Santa Lucia als auch von der wissenschaftlichen Literatur zur Gegend genannt.

Um den Pass herum steht eines der wiedererkennbarsten Amphitheater der Dolomiten: die schmale Klinge der Ra Gusela, der Nuvolau mit seiner Hütte auf dem Gipfel, der Averau, weiter östlich die Lastoi de Formin und die Croda da Lago, und die Hochfläche von Mondeval als Abschluss.

Die Straße, die ihn heute quert — die SP 638 —, steigt von Pocol auf 8,6 Kilometern mit durchschnittlich 8,3 % an und fällt auf der anderen Seite über neunundzwanzig Kehren und drei Lawinengalerien ab.

In welchem Jahr die Fahrstraße eröffnet wurde, konnten wir nicht sicher klären: Sie erscheint im Staatsstraßenplan von 1959 und wurde 1971 per Dekret zur Staatsstraße erhoben, doch keine der von uns geprüften Quellen nennt ein Baujahr. Wir erwähnen es, weil es nach einer Nebensächlichkeit aussieht und keine ist: Der Asphalt ist keine hundert Jahre alt, der Name mindestens zweitausend.

Die offenen Wiesen des Passo Giau mit den Dolomitengipfeln am Horizont
Die Wiesen des Passes, heute. Foto: Zairon, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Der Giau und der Giro d’Italia

Fahrer und Publikum auf der Straße des Passo Giau beim Giro d’Italia 2021
Der Giro d’Italia auf dem Passo Giau im Jahr 2021. Foto: Wompratte, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

In die Radsportgeschichte trat der Passo Giau vergleichsweise spät ein. Nach der offiziellen Website des Giro d’Italia war sein Debut 1973, als der spanische Kletterer José Manuel Fuente die Etappe Andalo–Auronzo gewann.

Der Tag, an den sich alle erinnern, ist aber 2021: bei Kälte und Regen griff Egan Bernal im Rosa Trikot an und hängte seine Rivalen ab — womit der Gesamtsieg praktisch entschieden war. In jenem Jahr war der Giau zugleich Cima Coppi, der höchste Punkt des Rennens, nachdem der Pordoi wegen schlechten Wetters gestrichen worden war.

Ein Kontrast, den man sich merken sollte: Derselbe Sattel, um den zwei Gemeinschaften vierhundert Jahre lang prozessierten, ist heute einer der meistgenannten Namen des Weltradsports. Wenn Sie der Giau auch vom Lenker aus interessiert, finden Sie ihn auf unserer Seite Passo Giau mit dem Rad.

Wenn das Wissen um einen Namen die Landschaft verändert

Manche Namen erzählen, wer vorbeigekommen ist: ein Heiliger, eine Familie, ein Unglück. Andere, seltenere, erzählen nichts davon, weil sie schlicht sagen, was der Ort ist. Giau gehört höchstwahrscheinlich zu dieser zweiten Familie.

Es ist ein Wort, das zweitausend Jahre fast unverändert durchquert hat — von iŭgum zu giogo, von giogo zu giau — und dabei immer genau dasselbe bedeutete: die Stelle, an der man auf die andere Seite kommt. Ausgesprochen haben es die mesolithischen Jäger, die nach Mondeval hinaufstiegen, die Hirten, die ihr Vieh hinauftrieben, die Notare, die die Grenzurkunden schrieben, die Maurer von 1753. Wir sprechen es aus dem Autofenster aus, ohne es zu wissen.

Auch deshalb wurde dieser Name nie ins Italienische übersetzt. Staulanza hat überlebt, weil niemand mehr wusste, was es bedeutete. Giau hat aus dem entgegengesetzten Grund überlebt: Es funktionierte weiter.

Wenn Sie das nächste Mal dort oben halten, lohnt es sich, auf den Sattel zu schauen und nicht auf die Gipfel. Er, nicht der Fels, hat allem Übrigen den Namen gegeben.

Passo Giau auf einen Blick

Wo er liegt: Belluneser Dolomiten, zwischen Cortina d’Ampezzo, San Vito di Cadore, Colle Santa Lucia und Selva di Cadore — etwa 2.236 m

Er verbindet: das Val Boite mit dem Val Fiorentina und dem Einzugsgebiet des Cordevole

Wichtigste Berge: Ra Gusela, Nuvolau, Averau, Lastoi de Formin, Croda da Lago

Geläufige lokale Formen: Jof de Giau (Fodom-Ladinisch), Śuogo de Jou (Ampezzanisch)

Herkunft des Namens: vom lateinischen iŭgum über giogo, dessen dolomitenladinische Variante giau ist

Bedeutung: Gebirgspass

Wichtigste sprachliche Quelle: Vocabolario Treccani, Eintrag giógo

🟢 Verlässlichkeit: belegt

Häufige Fragen zum Passo Giau

Was bedeutet Giau?

«Gebirgspass». Das Treccani-Wörterbuch verzeichnet unter giógo die Form giau (neben giou) als dolomitenladinische Variante von giogo in der Bedeutung «Pass» und hält fest, dass der Ausdruck in alpinen Flurnamen erscheint.

Woher kommt der Name Passo Giau?

Vom lateinischen iŭgum, «Joch», das die Treccani als Etymologie des Wortes giogo angibt. Über das italienische giogo und die dolomitenladinischen Formen giou und giau ist das Wort bis zu uns gelangt und hat seine geografische Bedeutung behalten.

Ist Giau ein ladinisches Wort?

Es ist ein Wort lateinischen Ursprungs, das ins Dolomitenladinische übergegangen ist, wo die Treccani es als giou und giau verzeichnet. Der Pass ist auch unter den lokalen Formen Jof de Giau (Ladinisch von Livinallongo) und Śuogo de Jou (Ampezzanisch) bekannt, die beide wörtlich «Joch von Giau» bedeuten.

Bedeutet Giau «Weide»?

Dafür gibt es keinen Beleg. Wir haben keine sprachwissenschaftliche Quelle gefunden, die das sagt — weder die Treccani noch die enzyklopädischen Einträge noch die offiziellen Portale. Der Giau ist allerdings tatsächlich eine große historische Weide, jahrhundertelang umstritten und bis heute Almgebiet der Regole von San Vito: Daher rührt vermutlich die Verwechslung zwischen der Geschichte des Ortes und der Herkunft des Namens.

Was bedeutet «giogo» im Gebirge?

Neben dem Ochsenjoch verzeichnet die Treccani zwei geografische Bedeutungen: den «langen, gerundeten Bergrücken» und den «Gebirgspass». Es ist die Bedeutung, die in Namen wie Giogo dello Stelvio und Giogo di Scarperia fortlebt — und im deutschen Joch.

Wo liegt der Passo Giau?

In den Belluneser Dolomiten, auf etwa 2.236 Metern, zwischen Cortina d’Ampezzo und dem Val Fiorentina. Hier treffen die Gebiete von Cortina, San Vito di Cadore, Colle Santa Lucia und Selva di Cadore zusammen; die Straße verbindet das Val Boite mit dem Einzugsgebiet des Cordevole.

Was ist die Muraglia di Giau?

Eine rund zwei Kilometer lange Trockenmauer, 1753 von den Einwohnern von San Vito di Cadore auf eigene Kosten errichtet, um nach dem Spruch einer österreichisch-venezianischen Kommission die Grenze zu Ampezzo festzulegen. Von Pocol heraufkommend markiert ein Stein mit der Jahreszahl 1753 die Stelle, an der die Straße ihre Reste quert.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Istituto della Enciclopedia Italiana — Treccani, Vocabolario, Eintrag giógo. Wichtigste sprachliche Quelle.
  • Piergiorgio Cesco-Frare, mit sprachwissenschaftlichen und etymologischen Beiträgen von Giovan Battista Pellegrini, La monte ed il monte: nomi e storie delle montagne del Comelico, in «Le Dolomiti Bellunesi», Sommer 1996, neu herausgegeben von der Sektion Val Comelico des CAI — Volltext online.
  • Pino Videsott, Termini geografici ladini di Marebbe (Alto Adige), Bollettino della Società Geografica Italiana — PDF.
  • FBK – Italienisch-Deutsches Historisches Institut, Verzeichnis der Grenzakten des Tiroler Landesarchivs Innsbruck (Streitigkeiten Ampezzo–San Vito um den monte Giau; Vertrag vom 20. August 1779) — PDF.
  • Chiara Dalla Pozza, Masterarbeit über die Felsritzungen in den Hochlagen der Regola Granda von San Vito di Cadore, Universität Padua — PDF. Für die Bauzeiten von 1753 und den Sasso Rosso.
  • Montagna.TV — für den Wortlaut des Urteils und die Beschreibung der Wappentafeln.
  • italia.it, das offizielle italienische Tourismusportal — für den Stein von 1753 an der Straße und die Definition der Marogna.
  • Regole d’Ampezzo — Le Regole nei secoli und La proprietà collettiva nelle Dolomiti d’Ampezzo.
  • Regole di San Vito di Cadore — Bewirtschaftung der Almen und Weiden.
  • Istitut Ladin Micurà de Rü — Forcella Giau und Lago delle Baste, mesolithische Fundstellen.
  • Universität Ferrara, Museum für Paläontologie und Vorgeschichte «P. Leonardi» — die mesolithische Bestattung von Mondeval de Sora.
  • Comune di Colle Santa Lucia — Colle Santa Lucia e la storia.
  • Giro d’Italia, offizielle Website — für das Debut 1973 und die Etappe 2021.

Die meisten Quellen sind auf Italienisch; die Zitate wurden für diese deutsche Fassung übersetzt. Letzte Überarbeitung: August 2026. Noch zu prüfen: die Schreibungen Jof de Giau und Śuogo de Jou an ladinischen Institutsquellen sowie, in den Straßenarchiven, das Eröffnungsjahr der Fahrstraße.

Warum heißt es so?

Dies ist der zweite Beitrag des Projekts von DolomitiBelluno.it zur Herkunft der Namen der Dolomitenpässe. Der erste erzählte vom Passo Staulanza und seinen stavoli. Auf der Mutterseite finden Sie alle übrigen Übergänge, jeweils mit der Angabe, wie gut die Erklärung tatsächlich belegt ist.

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