Via Feltre, die Linden und das Belluneser Paradox: Kampf um 79 Bäume, während die Provinz unter dem Wald verschwindet
Während das Verwaltungsgericht Venetien die Fällung der Baumreihen in der Via Feltre in Belluno vorläufig stoppt, erzählen die offiziellen Zahlen eine andere Geschichte: Innerhalb eines Jahrhunderts hat sich die Waldfläche in der Provinz massiv ausgedehnt und dabei Wiesen, Almen und Weideflächen zurückgedrängt. Eine Betrachtung der Größenverhältnisse – ohne Partei zu ergreifen, aber mit den Zahlen vor Augen.
Am 30. April 2026 setzte das Verwaltungsgericht der Region Venetien (TAR Veneto) mit einer Eilentscheidung der Gerichtspräsidentin Grazia Flaim die Fällung der Linden entlang der Via Feltre in Belluno vorläufig aus. Die Entscheidung fiel weniger als 24 Stunden nach dem von Italia Nostra und ONDA Veneto eingereichten Antrag und stoppte das von den Antragstellern als „Massaker“ bezeichnete Fällen der Bäume. Die Arbeiten hatten am 14. April begonnen. Von den 147 Linden, die im Rahmen des städtebaulichen Sanierungsprojekts betroffen sind, waren zu diesem Zeitpunkt bereits rund 68 gefällt worden. 79 Bäume stehen noch und warten auf die Verhandlung am 21. Mai.
Der Fall hat eine lebhafte öffentliche Debatte ausgelöst. Auf der einen Seite steht die Stadtverwaltung, die die Fällungen mit der notwendigen Erneuerung von Gehwegen und unterirdischen Versorgungsleitungen einer seit den 1960er-Jahren nicht grundlegend sanierten Straße begründet. Auf der anderen Seite stehen Umweltverbände, die fehlende agronomische Gutachten, die ausstehende Genehmigung der Denkmalschutzbehörde – die Via Feltre steht gemäß dem italienischen Kulturgütergesetz D.Lgs. 42/2004 unter Schutz – sowie den Verlust von Biodiversität, Schatten und städtischer Lebensqualität beklagen. Dazwischen steht eine Stadt, die über den Wert ihres Baumbestands diskutiert.
Ohne auf die juristischen Fragen einzugehen – über die das Gericht zu entscheiden hat –, lohnt sich ein Blick auf den größeren Kontext der Provinz, in dem diese Auseinandersetzung stattfindet. Denn die Zahlen erzählen eine Geschichte, die in der öffentlichen Diskussion paradoxerweise kaum Beachtung findet.
📊 DIE ÜBERRASCHENDE ZAHL
59 % der Fläche der Provinz Belluno sind bewaldet.
Von insgesamt rund 367.000 Hektar Provinzfläche sind mehr als 216.000 Hektar Wald. Diese Zahl wurde im Mai 2025 im Rahmen des Projekts CaN-Be – Carbon Neutral Belluno bestätigt, das die Provinz als „klimaneutrales“ Gebiet einstufte, da sie mehr CO₂ aufnehmen kann, als sie ausstößt. Bei einer durchschnittlichen Baumdichte von 500 bis 1.000 Bäumen pro Hektar lässt sich der Baumbestand der Provinz auf weit über 100 Millionen Bäume schätzen.
Ein Jahrhundert stiller Waldausbreitung
Der heutige Waldanteil in der Provinz Belluno ist das Ergebnis eines Phänomens, das in der Fachliteratur als „spontane Wiederbewaldung“ oder „Waldneubildung“ bezeichnet wird: Bäume und Sträucher erobern Flächen zurück, die früher landwirtschaftlich genutzt, gemäht oder beweidet wurden. Das Phänomen ist durch das italienische Nationale Inventar der Wälder und Kohlenstoffspeicher (INFC) sowie durch die nachfolgenden Berichte der FAO zum weltweiten Waldressourcenbestand umfassend dokumentiert.
Laut einer in der wissenschaftlichen Zeitschrift Forest@ der SISEF, der Italienischen Gesellschaft für Waldbau und Waldökologie, veröffentlichten Studie ist der Waldanteil Italiens von rund 12 % zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf heute etwa 40 % gestiegen. Damit hat sich die Waldfläche innerhalb von etwas mehr als einem Jahrhundert mehr als verdreifacht. Der FAO-Bericht Global Forest Resources Assessment 2020 bestätigt den Trend: +75 % Waldfläche innerhalb von 80 Jahren, davon +25 % allein in den letzten drei Jahrzehnten. Im Durchschnitt entstehen in Italien pro Minute rund 800 Quadratmeter neuer Wald.
🌲 BELLUNO UND DIE ALPEN: VENETIENS WALDREKORD
Die Provinz Belluno umfasst 70 % der Berggebiete Venetiens (Quelle: Gruppo Natura Bellunese). Allein im Nationalpark Dolomiti Bellunesi sind 23.000 von insgesamt 31.034 Hektar bewaldet – rund 74 %. Dort kommen 53 verschiedene Waldtypen vor, also mehr als die Hälfte der rund 100 Waldtypen, die in ganz Venetien zu finden sind.
Nach Angaben des regionalen Forstdienstes von Belluno unterliegen 76 % der gesamten Waldfläche der Provinz einer forstwirtschaftlichen Planung (Daten von 2005). Es handelt sich um einen riesigen Naturbestand, der selbst nach dem Sturm Vaia im Jahr 2018 weiter wächst, obwohl dieser rund 7 % des Gebietes betroffen hatte.
Was verloren geht: Wiesen, Almen und Weiden
Wenn der Wald wächst, verschwindet gleichzeitig etwas anderes. Es sind vor allem Wiesen, Almen und Weideflächen – also genau jene offenen Lebensräume, die einen besonders großen Teil der alpinen Biodiversität beherbergen: wilde Orchideen, Schmetterlinge, Greifvögel, alpine Hühnervögel und Amphibien in den kleinen Gewässern der Almweiden. Ein ökologisch äußerst wertvolles Erbe, das durch die fortschreitende Bewaldung paradoxerweise zunehmend verdrängt wird.
Die Zahlen von Veneto Agricoltura sind eindeutig: Zwischen 1990 und 2014 gingen in Italien jährlich 15.800 Hektar Wiesen und Weiden verloren, die zunehmend von neu entstehendem Wald überwachsen wurden. Das Belluneser Gebiet gehört zu den am stärksten betroffenen Regionen. Im September 2024 startete die Provinz Belluno das Projekt „Pascoli delle terre alte: patrimonio da salvaguardare e rigenerare“ – „Hochgebirgsweiden: ein zu schützendes und wiederzubelebendes Erbe“. Das mit 370.000 Euro von Fondazione Cariverona und Veneto Agricoltura finanzierte Projekt formulierte in den offiziellen Mitteilungen ein bemerkenswert deutliches Ziel: die Almen dem „überwuchernden Wald“ wieder abzuringen.
⚠️ DAS WORT „ÜBERWUCHERND“
Es war die Provinz Belluno selbst, die neu entstehenden Wald in einer offiziellen Mitteilung aus dem Jahr 2024 als „infestante“ – also als überwuchernd beziehungsweise invasiv – bezeichnete. Ein starkes Wort, das die verbreitete Vorstellung infrage stellt, wonach „mehr Bäume automatisch immer besser“ seien. In Berggebieten kann zu viel Wald – insbesondere unkontrolliert wachsende Vegetation auf ehemals offenen Flächen – den Verlust von Biodiversität, historischen Kulturlandschaften, alpinen Traditionen und hydrogeologischer Sicherheit bedeuten. Auch Aussagen und Untersuchungen von Professor Tommaso Anfodillo von der Universität Padua bestätigen diesen Trend: Seit den 1950er-Jahren hat die Waldfläche in den Alpen deutlich zugenommen und wächst weiter, weil die Wälder heute nicht mehr wie früher für die Versorgung der lokalen Bevölkerung genutzt werden.
Ein Spiegelbild der Entvölkerung
Die „Wiederbewaldung durch Aufgabe der Bewirtschaftung“ ist zugleich die Kehrseite eines weiteren großen Problems des Belluneser Berggebiets: der Entvölkerung der Bergregionen. Zwischen 2008 und 2018 verlor die Provinz fast 10.000 Einwohner und fiel 2020 unter die symbolisch wichtige Marke von 200.000 Einwohnern. Hinter jedem Hektar neuen Waldes kann ein aufgegebener Stall stehen, eine verfallene Scheune, ein nicht mehr gepflegter Weg oder eine Familie, die in Richtung Ebene abgewandert ist.
Wenn vom „Schutz des Baumbestands“ die Rede ist, muss daher klar sein, worüber gesprochen wird. Belluno leidet keineswegs unter einem Mangel an Bäumen. Im Gegenteil: Die Waldfläche ist heute etwa dreimal so groß wie vor einem Jahrhundert. Das eigentliche Problem liegt vielmehr auf der anderen Seite: Es verschwinden die Menschen, die diese Landschaft gepflegt, gemäht, bewirtschaftet und bewohnt haben.
Die Debatte um die Linden: eine Frage der Verhältnismäßigkeit
Vor diesem Hintergrund ist auch die Auseinandersetzung um die 79 Linden in der Via Feltre zu betrachten. Eine durchaus legitime Auseinandersetzung: Der denkmalrechtliche Schutz der Straße, das Fehlen agronomischer Gutachten, die nicht erfolgte Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde, die Qualität des städtischen Raums, der sommerliche Schatten und der Beitrag der Bäume zur Reduzierung von Feinstaub sind reale Fragen, die Aufmerksamkeit und eine klare Antwort der Stadtverwaltung verdienen.
Den Fall Via Feltre jedoch vor allem als Frage der „Nistmöglichkeiten“ oder gar des „Schutzes der Biodiversität der gesamten Provinz“ darzustellen, erscheint angesichts der ökologischen Realität des Gebietes unverhältnismäßig. Vögel, die – so wird es in manchen Beiträgen in sozialen Netzwerken dargestellt – aufgrund der Fällung der städtischen Linden keine Nistmöglichkeiten mehr finden könnten, haben wenige Kilometer entfernt mehr als 216.000 Hektar zusammenhängenden und weiter wachsenden Wald zur Verfügung. Damit soll der Wert städtischer Grünflächen keineswegs geschmälert werden. Es geht vielmehr darum, die Dimensionen richtig einzuordnen.
🦉 EINE FRAGE DES MASSSTABS
Würde man den gesamten Baumbestand der Provinz Belluno in ein Stadion mit 100.000 Sitzplätzen übertragen, entsprächen die 79 Linden der Via Feltre weniger als einem Zehntel eines einzigen Sitzplatzes. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Via Feltre keine Aufmerksamkeit verdient. Stadtbäume erfüllen besondere ökologische Funktionen, die Bergwälder nicht ersetzen können: Sie verbessern das städtische Mikroklima, reduzieren Feinstaub, spenden Fußgängern Schatten und besitzen einen historischen und landschaftlichen Wert.
Die öffentliche Diskussion sollte jedoch klar zwischen dem Schutz städtischer Grünflächen – einem legitimen und notwendigen Anliegen – und einer apokalyptischen Darstellung eines drohenden Biodiversitätsverlusts unterscheiden, insbesondere in einem Gebiet, das statistisch zu den waldreichsten Regionen Europas gehört.
Die Frage, die bleibt
Die Auseinandersetzung um die Via Feltre wirft eine grundlegendere Frage auf, die eine gemeinsame und möglichst unaufgeregte Diskussion verdient: Warum gelingt es in der Provinz Belluno kaum, Menschen gegen den sich ausbreitenden Wald zu mobilisieren, der Almen und Weideflächen überwuchert, während der Schutz von 79 Stadtlinden innerhalb von 24 Stunden bis vor das Verwaltungsgericht führt?
Vielleicht liegt es daran, dass der Schutz der historischen agro-silvo-pastoralen Kulturlandschaft – jener Landschaft, die von der UNESCO in den Dolomiten als Welterbe anerkannt wurde – konkrete Arbeit verlangt. Es braucht Motorsägen, Freischneider, Landwirte, Almwirte, öffentliche Fördermittel und körperlichen Einsatz. Einen Antrag beim Verwaltungsgericht einzureichen, ist aus praktischer Sicht erheblich einfacher – und zugleich medial sehr viel sichtbarer.
Dies ist keine Kritik an den Umweltverbänden. Sie erfüllen ihre Aufgabe und übernehmen eine wichtige Funktion der demokratischen Kontrolle. Vielmehr ist es eine Einladung an die gesamte Bevölkerung – und auch an die Medien –, wieder einen Sinn für die Verhältnismäßigkeit zu entwickeln und den Blick zu weiten. Die eigentliche ökologische Herausforderung der Provinz Belluno liegt nicht allein in der Via Feltre. Sie zeigt sich auf den aufgegebenen Almen des Cansiglio, in den von Haselsträuchern überwucherten Wiesen des Val Canzoi, auf den vom Grünerlengebüsch zurückeroberten Weideflächen oberhalb von Forno di Zoldo und auf Wegen, die unter neu entstehendem Wald verschwinden und damit Jahrhunderte alpiner Kulturlandschaft auslöschen.
✅ DIE WICHTIGSTEN ZAHLEN IM ÜBERBLICK
- 59 % der Provinz Belluno sind bewaldet (CaN-Be-Projekt, 2025)
- über 216.000 Hektar Waldfläche in der Provinz
- +75 % Waldfläche in Italien innerhalb der vergangenen 80 Jahre (FAO/FRA 2020)
- +28 % zwischen 1985 und 2015 in Italien (ISPRA)
- von 12 % auf rund 40 % Waldanteil in Italien innerhalb von etwas mehr als einem Jahrhundert (SISEF)
- 15.800 Hektar pro Jahr Verlust an Wiesen und Weiden in Italien zwischen 1990 und 2014 (Veneto Agricoltura)
- 23.000 von 31.034 Hektar im Nationalpark Dolomiti Bellunesi sind bewaldet (74 %)
- 147 Linden waren ursprünglich in der Via Feltre betroffen, 79 stehen noch
Fazit: Das Gericht soll entscheiden – die grundsätzliche Frage bleibt
Am 21. Mai soll das Verwaltungsgericht Venetien in der Sache entscheiden. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens hinterlässt die Debatte um die Via Feltre eine unbequeme Frage: Sind wir tatsächlich die „grünste Stadt Italiens“, die jeden einzelnen Baum verteidigt – oder sind wir eine Provinz, die langsam unter dem Wald verschwindet, während sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf einige Reihen von Zierbäumen konzentriert?
Die Antwort liegt wahrscheinlich darin, beide Aspekte miteinander zu verbinden: städtisches Grün zu respektieren und zu schützen – mit seriösen agronomischen Gutachten, korrekten Genehmigungsverfahren und einem offenen Dialog mit der Bevölkerung – und zugleich anzuerkennen, dass das eigentliche landschaftliche Erbe Bellunos aus blühenden Wiesen, bewirtschafteten Almen, offenen Weideflächen und einer vielfältigen Kulturlandschaft besteht. Dieses Erbe braucht nicht einfach mehr oder weniger Bäume, sondern vor allem mehr Menschen, die sich um das Land kümmern.
Vielleicht wäre es sinnvoll, sobald über das Schicksal der Linden entschieden wurde, einen Teil derselben bürgerschaftlichen Energie auch auf jene Tausenden Hektar Wiesen zu richten, die jedes Jahr still unter Hasel, Erle und Buche verschwinden. Dort wäre tatsächlich ein Einspruch nötig – nicht vor Gericht, sondern im Namen des gesunden Menschenverstands.
Quellen: Eilentscheidung des Verwaltungsgerichts Venetien vom 30. April 2026 (Präsidentin Grazia Flaim) • Mitteilungen von Italia Nostra, Sektion Belluno, und ONDA Veneto • Newsinquota.it • Bellunopress • Il Dolomiti • Corriere delle Alpi • Telebelluno • Projekt CaN-Be (Carbon Neutral Belluno), Provinz Belluno, Mai 2025 • FAO Global Forest Resources Assessment 2020 • ISPRA, Umwelt-Datenjahrbuch • Marchetti M., Motta R., Pettenella D., Sallustio L., Vacchiano G. (2018), Forest@ 15: 41–50 (SISEF) • Italienisches Nationales Waldinventar INFC 2015 • Veneto Agricoltura, Projekt „Pascoli delle terre alte“, 2024 • Nationalpark Dolomiti Bellunesi, Forstwirtschaftsplan • Universität Padua, Aussagen von Prof. Tommaso Anfodillo (Department TESAF) • Gruppo Natura Bellunese.
Titelfoto: Die Wälder rund um ein altes Haus in der Nähe von Villa di Villa (BL) – Foto RE/MAX Casamia Immobilienagentur

