Vier Tage Belluneser Alpini an der ligurischen Riviera — vom Trebbiatal zu den carruggi von Chiavari, zwischen Portofino und dem Alpini-Nationaltreffen in Genua 2026.
Chronik einer glücklichen Begegnung zwischen zwei Italien, die sich als Schwestern wiederentdecken.
Es gibt unter den Alpini eine alte Regel, die besagt, dass der Berg überall ist. Auch dort, wo er nicht ist. Vor allem dort, wohin ein Alpino mit seinem cappello auf dem Kopf gelangt, die schwarze Feder kerzengerade, und jene Sehnsucht nach den Höhen in sich tragend, die durch ihn fließt wie ein unterirdischer Grundwasserstrom. So geschah es, dass sich im Mai 2026 ein Stück Belluno nach Ligurien verlegte — genauer gesagt in den Tigullio — und nicht nur die Koffer mitnahm, sondern auch ein kleines Dolomitental, eingeschlossen in der Brust.
Der Anlass war das große, lang erwartete Alpini-Nationaltreffen in Genua 2026 — die Adunata Nazionale, wie es die Italiener nennen. Das endgültige Ziel, gewiss. Doch die Reise zählte, wie es in den Alpini-Belangen so oft geschieht, ebenso viel wie das Ziel selbst — wenn nicht sogar mehr. Denn in jenen vier Tagen, zwischen der Abfahrt am Donnerstagmorgen vom Sitz der Alpini-Gruppe von Salce und der Rückkehr am Sonntagabend — durchnässt vom genuesischen Regen, doch trocken im Inneren, wie nur Alpini es zu sein vermögen — geschah etwas, das es wert ist erzählt zu werden, auch jenen, die selbst keine Alpini sind. Etwas, das damit zu tun hat, wie zwei gegensätzliche Landschaften, zwei ferne Geographien, zwei scheinbar weit auseinanderliegende Kulturen einander erkennen, umarmen, verstehen können.
Von den Voralpen ins Trebbiatal
Ihr Reisebus fuhr am Donnerstagmorgen Punkt sieben Uhr vom Sitz der Alpini-Gruppe von Salce ab — mit jener leicht militärischen, leicht herzlichen Pünktlichkeit, die allen Alpini-Treffen eigen ist. Die erste Station, höchst rituell, war der Glückskaffee in der Bar da Jole: ohne den geht es nirgendwohin. Dann die Autobahn, und jenes kleine kulinarische Zeremoniell, das in dieser Gegend jede Reise begleitet: ein hartgekochtes Ei, ein Glas Wein, ein paar Worte unter alten Kameraden.
Kurz nach Mittag wurde in Agazzano in der Provinz Piacenza Halt gemacht, im Albergo Ristorante Cervo — eine alte Bekannte der Salceser Alpini, eine feste Etappe seit der Adunata von Piacenza. Die emilianische Küche ist, was sie ist: pisarei e fasò, tortelli con la coda, Wurstwaren aus der Region. Und gerade hier beginnt die Reise aus geographischer Sicht interessant zu werden: denn nach Agazzano nahm die Gruppe — anstatt nach Emilien hinabzusteigen — die Straße durch das Trebbiatal, jene, die Ernest Hemingway als die schönste der Welt bezeichnete. Ein Urteil vielleicht etwas übertrieben, doch nicht gänzlich.
Das Trebbiatal ist der erste unerwartete Berührungspunkt. Für die Belluneser Alpini, gewohnt an die strengen Flanken der Dolomiten, erscheint der nördliche Apennin als eine sanftere, rundere Fassung der eigenen Heimatberge. Dieselben Kastanienwälder, dieselben an die Hänge geklammerten Dörfchen, dieselben vergessenen Gasthäuser. Der Stein wechselt — hier graue Kalksteine, dort oben rosafarbener Dolomit — doch die Grammatik des Berges bleibt dieselbe. Man steigt hinauf, steigt hinab, steigt erneut hinauf. Und als der Bus schließlich auf der ligurischen Seite hervortritt und das Meer sich wie ein salziger Hauch ankündigt, ist es bereits Abend.
Chiavari, ein Zuhause fern der Heimat
In Chiavari, einem Juwel des östlichen Tigullio, erwarteten Freunde wie Familie die Gruppe: Das Festzelt stand auf dem Gelände des örtlichen Boccia-Vereins von Chiavari, die Feldbetten waren binnen weniger Minuten nach der Ankunft bereit, die salzhaltige Luft begrüßte die Neuankömmlinge. Ein Alpino auf Reisen braucht keine Fünfsternehotels: Es genügt ihm ein Stück fester Boden, ein befreundeter Boccia-Verein und jemand, der seinen Teller füllt (und sein Glas…).
Das Abendessen war im Freien, unter den ersten Sternen: frische Saubohnen zum Aushülsen, ligurischer Aufschnitt, regionaler Käse und der Rotwein der befreundeten Familie Spinelli aus Atessa in der Provinz Chieti — eine vor Jahren entstandene Verbindung, gewachsen wie gute Alpini-Freundschaften eben wachsen: langsam und über manchem Glas.
Dann, am späten Abend, der erste Spaziergang durch die Altstadt von Chiavari: die carruggi (jene engen Gassen, typisch für Ligurien), die plötzlichen Plätze, die pastellfarbenen Palazzi, die schmiedeeisernen Schilder. Ein Ligurien im Taschenformat zum Entdecken, intim und gut bewahrt, in dem die Belluneser eine einfache Wahrheit mit Händen greifen konnten: Die italienische Schönheit ist eine lokale Erfindung, gemacht aus Gassen, Stein, Licht und Menschen, die einen um fast Mitternacht grüßen, obwohl sie einen nicht einmal kennen.
Rapallo, Santa Margherita, Portofino, San Fruttuoso und „diese seltsame Mütze“
Freitag, der zweite Tag: mit dem Zug nach Rapallo und dann das Einschiffen am Hafen für die Bootsfahrt durch den Golf von Tigullio: Santa Margherita, Portofino, San Fruttuoso. Es war einer jener Tage, die Ligurien zu schenken weiß, wenn es sich von seiner freundlichsten Seite zeigen will: klarer Himmel, ein Meer von einem fast unmöglichen Blau, schroffe Klippen, sich in den Buchten spiegelnde Pinien. Portofino erschien in seiner postkartengleichen Vollkommenheit, die Abtei von San Fruttuoso in der gesammelten Feierlichkeit jener Orte, die Jahrhunderte schweigend vergehen sahen.
Doch das Erstaunlichste während dieser Überfahrt war die schiere Anzahl von Ausländern, die darum baten, die Alpini fotografieren zu dürfen. Australier, Deutsche, Japaner, Brasilianer: allesamt fasziniert von jenem Hut mit der Feder, von jener grünen Kopfbedeckung, die sie nicht einordnen konnten, deren Bedeutung sie jedoch instinktiv erahnten — etwas Wichtiges.
Deutsche fragten nach „diese seltsame Mütze“, Englischsprachige sagten „that strange hat“. Es entwickelte sich daraus eine kleine, ungezwungene Übung in Volksdiplomatie: zu erklären, mit gebrochenem Englisch und viel Gestikulieren, wer die Alpini sind, woher sie kommen, wofür sie stehen. Es war vielleicht einer der schönsten Augenblicke der ganzen Reise: Italien, das sich der Welt durch einen Hut erzählt — und die Welt, die für einige Minuten innehält, um zuzuhören.
Das „ligurische Soldatenessen“ in Santa Margherita — trofie mit Pesto, Focaccia, Frittüre des Tagesfangs, Sardellen, Weißwein aus den Cinque Terre — beschloss den Vormittag. Am Nachmittag ein Spaziergang durch die Altstadt von Sestri Levante, geschmückt für den Anlass, mit der Bucht der Stille auf der einen Seite und der Bucht der Märchen auf der anderen: Namen, die einem Märchenbuch entstiegen scheinen, in Wahrheit jedoch schlicht ligurische Ortsbezeichnungen sind.
Samstag in Genua: eine Stadt im Festrausch
Am Samstag endlich Genua. Der Zug aus Chiavari war von der Abfahrt an voll mit Alpini-Hüten. Kaum ausgestiegen, begegneten sich Freunde: Alpini aus Zoldo, aus Lentiai, aus Tambre und viele weitere Belluneser Kameraden, lauthals über die Bahnsteige begrüßt. Am Bahnhof Genova Brignole öffnete eine Stadt im Festrausch ihren Gästen die Arme: Trikoloreflaggen von allen Balkonen, Musikkapellen an den Straßenecken, Applaus für jeden Hut mit Feder, der vorüberzog. Es gab solche, die grüßten, solche, die ohne zu fragen einen Drink anboten, und solche, die rasch das Handy für ein Erinnerungsfoto zückten.
Genua, eine Stadt mit dem Ruf der Sparsamkeit und Zurückhaltung, zeigte in jenen Tagen das großzügige Gesicht, das die Geschichte ihr stets zuerkannt hat: Industriehauptstadt, Stadt des offenen Meeres, partisanische Kommune. Die Straßen wirkten wie Schenken unter freiem Himmel. Jede Gasse ein kleines Theater. Es ist das vertraute Phänomen der Alpini-Nationaltreffen — jene Wochen, in denen eine italienische Stadt, welche es auch sei, beschließt, eine halbe Million reisender Alpini in die Arme zu schließen und sich für einige Tage in den Marktplatz der Welt zu verwandeln.
Am Porto Antico, zwischen dem Aquarium und den vertäuten Schiffen, traf auch ein allen lieb gewordenes Belluneser Gesicht ein: Roberto Padrin, Bürgermeister von Longarone, stets zugegen, wo Alpini sind. Denn die Geographie der Zuneigungen kennt unter Alpini keine Verwaltungsgrenzen. Genua war in jenen Tagen ein in den Tigullio versetzter Platz Bellunos und seiner Menschen.
Eine Blume für Guido Rossa
Inmitten des großen Festes am Samstag gab es einen Augenblick der Einkehr, der auch in dieser touristischen Chronik einer Erwähnung wert ist.
Die Alpini-Gruppe von Salce wollte am Denkmal für Guido Rossa innehalten — jenem Italsider-Arbeiter, der am 24. Januar 1979 von den Roten Brigaden ermordet wurde. Wenige wissen, dass Guido Rossa Belluneser war — aus Cesiomaggiore, um genau zu sein —, der als Kind nach Genua emigrierte und zum Fallschirmjäger-Alpino, Gewerkschafter und herausragenden Dolomiten-Bergsteiger wurde. Ein Mann, der mit seinem Tod den Fanatismus entlarvte und das Land zur Vernunft zurückführte.
Ein Alpino aus unseren Tälern also, beigesetzt in Genua. Es war der Augenblick, in dem das Band zwischen Berg und Meer — zwischen Belluno und Genua — zu Fleisch und Marmor wurde: zwei Städte vereint durch eine Geschichte, die es verdient, in Erinnerung gehalten zu werden. Unter dem ligurischen Himmel, mitten im Fest, verharrten die Belluneser fünf Minuten im Schweigen. Fünf Minuten für einen der Ihren.
Der Sonntagsumzug, im strömenden Regen
Der Sonntag brach mit bedecktem Himmel an, und binnen weniger Stunden wurde der Regen zum peitschenden Wolkenbruch. Doch ein Alpini-Umzug hält für so wenig nicht inne. Der Sammelpunkt lag in Carignano; den Zug eröffneten die jungen Musiker der Fanfara della Cadore, ebenfalls aus Belluno, Instrumente blank poliert, Uniformen tadellos. Dahinter Dutzende und Aberdutzende Gruppen der A.N.A.-Sektion von Belluno, jede mit ihrem eigenen Banner, ihren eigenen Geschichten, ihren eigenen Generationen im Marsch. Mit dem soeben gewählten neuen Sektionspräsidenten Umberto Soccal, der alle begrüßte.
In diesem Jahr wurde der Gruppe von Salce die Ehre zuteil, eines der drei Banner der Sektion zu tragen: jenes mit der Aufschrift „Alpini — Leuchtfeuer der Hoffnung für Italien“. Sieben Worte, ein Versprechen, dem die Alpini seit hundertfünfzig Jahren Treue halten, selbst um den Preis ihres Lebens. Und mitten in alledem eine institutionelle Vertretung der Stadt Belluno: Lorenza De Kunovich, mit der Trikolore-Schärpe, marschierte als Delegierte der Stadt — eine Bellunese, die Belluno in Genua vertrat, an einem Tag, den der Regen nicht zu verderben vermochte.
Was entlang der Strecke ins Auge fiel, war weniger der Regen selbst. Es war die genuesische Menge, die stundenlang im Wolkenbruch stand, applaudierte, durchnässte Trikoloreflaggen schwenkte. Genua wurde seinem Namen gerecht: eine Stadt am Meer, die weiß, was es bedeutet, schlechtem Wetter zu trotzen, und die sich — wenn sie Männer im Regen marschieren sieht — nicht ins Trockene zurückzieht, sondern hinaustritt und applaudiert. Es war ein Umzug, an den wir uns erinnern werden nicht trotz des Regens, sondern wegen des Regens.
Wenn der Berg dem Meer begegnet
Was bleibt nach vier solchen Tagen? Die Fotografien, gewiss — zahlreich und schön.
HIER ALLE FOTOS DER ALPINI-GRUPPE VON SALCE BEIM TREFFEN 2026 IN GENUA
Dann die kulinarischen Erinnerungen: die Focaccia von Rapallo, die trofie mit Pesto, die frischen Saubohnen des Willkommensessens, der abruzzesische Wein und der Prosecco aus Guia di Valdobbiadene, eigens von den „Alpini-Sternen“ der Gruppe mitgebracht. Die begegneten Gesichter: Antonello Solari mit seiner Frau Patrizia (ebenfalls Belluneserin!) und den Freunden des Boccia-Vereins von Chiavari, der stellvertretende Bürgermeister von Rapallo, der eine Flasche Vermentino schenkte, der nach Ligurien verpflanzte Mann aus Santa Giustina, der den Tonfall ihrer Sprache erkannte.
Vor allem aber bleibt eine Idee — schlicht und vielleicht ein wenig poetisch: dass Berg und Meer keine Gegensätze sind, sondern Ergänzungen. Dass ein Belluneser in Ligurien kein Fremder ist, sondern ein aus der Ferne gekommener Verwandter. Dass die Dolomiten und der Tigullio, scheinbar so weit voneinander entfernt, in Wahrheit zwei Kapitel desselben Buches sind — jenes Buches, das Italien heißt, zusammengesetzt aus höchst unterschiedlichen Landschaften, die einander dennoch ansprechen, verstehen, willkommen heißen.
Die Alpini von Salce kehrten durchnässt nach Hause zurück, müde in den Knochen, doch erfüllt im Inneren. Sie luden mit Sorgfalt die Banner ab, umarmten jene, die in Belluno geblieben waren, erzählten jedes Detail in aller Ausführlichkeit. Das Alpini-Nationaltreffen Genua 2026 ist nun offiziell archiviert. Doch das Band, das sich zwischen den Dolomiten und Ligurien geknüpft hat — zwischen Cesiomaggiore und Genua, zwischen Salce und Chiavari, zwischen dem gefederten Hut und den bunten carruggi — jenes Band, nein, jenes lässt sich nicht archivieren.
Es bleibt dort, wie eine Feder am Hut.
Wie eine Welle, die niemals zur Ruhe kommt.
Chiavari (Genua) — Altstadt, carruggi, Strandpromenade. Bahnhof an der Linie Genua–La Spezia.
Rapallo · Santa Margherita Ligure · Portofino · San Fruttuoso — Fährverbindungen des Tigullio-Schifffahrtsdienstes. Tägliche Abfahrten von Mai bis Oktober.
Sestri Levante — Bucht der Stille und Bucht der Märchen. Mit Bahn oder Auto erreichbar.
Trebbiatal — Von Bobbio (Piacenza) nach Agazzano entlang der SS45. Eine Panoramastraße, Serpentinen, apenninische Dörfer.
Cesiomaggiore (Belluno) — Geburtsort von Guido Rossa, im Herzen der Belluneser Dolomiten. Heimat des Ethnographischen Museums der Provinz Belluno.
📖 Zum Weiterlesen — Das vollständige Tagebuch des Treffens Genua 2026
Fünf Folgen, veröffentlicht auf der Website der Alpini-Gruppe von Salce:
🚌 Folge 1 — Von Salce nach Chiavari
www.gruppoalpinisalce.it/adunata-nazionale/adunata-genova-2026-giorno-1-chiavari
⛵ Folge 2 — Die Tigullio-Ausfahrt zwischen Portofino und San Fruttuoso
www.gruppoalpinisalce.it/adunata-nazionale/adunata-genova-2026-giorno-2-portofino
🎉 Folge 3 — Der große Samstag in Genua
www.gruppoalpinisalce.it/adunata-nazionale/adunata-genova-2026-giorno-3-genova
☔ Folge 4 — Der Umzug im Regen
www.gruppoalpinisalce.it/adunata-nazionale/adunata-genova-2026-giorno-4-sfilata
🕊️ Folge 5 — Damit Guido Rossa nicht vergessen werde
www.gruppoalpinisalce.it/adunata-nazionale/adunata-genova-2026-giorno-5-guido-rossa
— Artikel in Zusammenarbeit mit der Alpini-Gruppe von Salce, Teilnehmerin am Alpini-Nationaltreffen Genua 2026.

