Ein Gebirgspass in den Bellunesen Voralpen, wo die Geschichte des Ersten Weltkriegs auf eine der kühnsten Ingenieurleistungen des zwanzigsten Jahrhunderts trifft.
⛰ Höhe: 702 m ü.M.
🚗 Mel (BL) – Tovena (TV)
🕐 Ganzjährig befahrbar (je nach Wetterlage)

Es gibt Straßen, die Geschichten erzählen. Und dann gibt es den San-Boldo-Pass — eine Straße, die selbst eine Geschichte ist: von Krieg, Einfallsreichtum, menschlicher Mühsal und einer Zeit, die in hundert fieberhaften Tagen verdichtet wurde, während der Tausende von Männern das Gestein der Treviser Voralpen in ein Meisterwerk militärischer Ingenieurskunst verwandelten.
Sie heute zu befahren — mit dem Auto oder dem Motorrad — ist ein Erlebnis, das den Nervenkitzel der Fahrt selbst — mit engen Haarnadelkurven, direkt in den Fels gespengten Tunneln und Wänden, die sich über dem Kopf zusammenzuziehen scheinen — mit dem Bewusstsein verbindet, an einem Ort zu stehen, den die Geschichte tief geprägt hat.
(Februar–Juni 1918)
Tunnel
Ein Projekt, das im Frieden entworfen und im Krieg vollendet wurde
Die Geschichte dieser Straße beginnt noch bevor die Kanonen an der italienischen Front zu donnern begannen. Im Jahr 1914 hatte der italienische Ingenieur Giuseppe Carpenè bereits Pläne für eine fahrbare Verbindung zwischen dem Valbelluna und dem Treviser Vorland über den San-Boldo-Pass entworfen. Das Ziel war im Wesentlichen wirtschaftlicher Natur: eine Verbindung zwischen zwei durch die Voralpen getrennten Gebieten zu schaffen.
Dann kam der Krieg. Und mit ihm änderte sich alles.
Nach dem italienischen Zusammenbruch bei Karfreit im Oktober 1917 brach die Front bis zur Piave ein. Das Bellunese-Gebiet fiel unter österreichisch-ungarische Besatzung, und der San-Boldo-Pass — mit seinem bereits fertigen Projekt — wurde zur strategischen Priorität allerersten Ranges. Die Rückfront mit der Front zu verbinden bedeutete, Nachschub, Truppen und Artillerie in kürzester Zeit verlegen zu können.
Hundert Tage, siebentausend Mann
Das österreichisch-ungarische Kommando übertrug die Ausführung dem Pionierkorps unter dem Kommando von Oberstleutnant Nikolaus Waldmann, Kommandant der Straßenbaugruppe. Die Arbeiten begannen am 1. Februar 1918 mit beispielloser Intensität. Rund siebentausend Menschen wurden mobilisiert: Pioniere, russische und italienische Kriegsgefangene sowie die örtliche Bevölkerung — darunter Frauen, alte Menschen und Kinder — die zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden.
Sie arbeiteten in ununterbrochenen Schichten, Tag und Nacht, mit primitiven Werkzeugen. Das Gestein wurde von Hand und mit Sprengstoff gebrochen. Das Material wurde auf den Schultern der Arbeiter die Hänge hinaufgetragen. In hundert Tagen — vom 1. Februar bis zum 1. Juni 1918 — war die Straße fertig.
Carpenès ursprünglicher Entwurf wurde aufgegriffen und den neuen militärischen Erfordernissen angepasst. Das Ergebnis war eine rund 15 km lange Straße mit fünf in Kurven in den Fels gesprengten Tunneln — ein Werk, das selbst mit heutiger Technologie als gewagtes Unterfangen gelten würde. Die Straße musste ein gleichmäßiges Gefälle von 10 % aufweisen — steil genug, um die Vorstellungskraft zu fordern, aber flach genug, damit Artilleriegeschütze sie passieren konnten.

Was Besucher heute vorfinden
Die Straße, die Besucher heute befahren, entspricht in ihrer Grundstruktur im Wesentlichen der von 1918. Die fünf in den Fels getriebenen Tunnel — manche so eng, dass nur ein Fahrzeug auf einmal passieren kann — bewahren noch heute das raue, nüchterne Erscheinungsbild eines Kriegsbauwerks. Die Ampeln, die den abwechselnden Einbahnbetrieb regeln, sind das einzige Zugeständnis an die Moderne auf einer Strecke, die in der Zeit eingefroren zu sein scheint.
Ob man von Tovena (Cison di Valmarino, TV) hinaufsteigt oder von Mel (BL) hinabfährt — die Kurven werden enger, die Felswände rücken näher, und immer wieder öffnen sich kurze Ausblicke auf die Täler darunter. Im Frühling und Herbst machen die Farben des Waldes die Strecke noch eindrucksvoller. Der Pass ist auch ein klassisches Ziel für Radtouristen und Motorradfahrer, die technisch anspruchsvolle Kehren mit großartiger Berglandschaft verbinden wollen.
📌 Praktischer Hinweis: Die beste Zeit für die Durchfahrt ist früh am Morgen oder am späten Nachmittag, wenn das Streiflicht die Felswände in Szene setzt und der Verkehr am geringsten ist. An Sommerwochenenden ist die Straße stark von Motorradfahrern frequentiert. Bitte stets die Ampeln und Vorfahrtszeichen in den Tunneln beachten. Höhenbeschränkung: 3,2 m — Wohnmobile und Reisebusse sind nicht zugelassen.
Entlang der Straße der 100 Tage
Eine Route durch Burgen, Geschichte und Natur
Der San-Boldo-Pass ist nicht nur ein Ziel für sich: Er ist das geographische Herz einer Region, die auf beiden Seiten — der Treviser und der Bellunesen — reich an außergewöhnlichen Orten ist, die in wenigen Kilometern erreichbar sind. Hier sind drei unverzichtbare Zwischenstopps für Ihre Reise.
Treviser Seite · ~3 km vom Pass
CastelBrando, Cison di Valmarino
Nur wenige Fahrminuten von der Treviser Seite des San Boldo entfernt erwartet den Besucher ein atemberaubendes Panorama: CastelBrando, eine der größten und ältesten Burgen Europas, die hoch über dem mittelalterlichen Dorf Cison di Valmarino thront — einem der schönsten Dörfer Italiens.
Mit über 2.000 Jahren Geschichte — von den römischen Ursprüngen als Befestigungsanlage an der Via Claudia Augusta über die Herrschaft der Familie Da Camino und der Brandolini bis zur Salesianerzeit — ist die Burg heute ein Vier-Sterne-Hotel mit Spa, zwei Restaurants und sechs Museumsrundgängen zu Waffen, Kostümen, historischen Kutschen und Musik. Sie wird mit einer Panoramaseilbahn vom Parkplatz im Tal aus erreicht.
Täglich geöffnet, 24 Stunden. Museumsbereiche mit Führung nach Voranmeldung besuchbar.
Web: www.castelbrando.it
Bellunese Seite · ~4 km vom Pass
Brent de l’Art, Sant’Antonio Tortal
Auf der Bellunesen Seite, kurz nach den letzten Tunneln des San Boldo in Richtung Trichiana, liegt eines der spektakulärsten und am wenigsten bekannten Naturwunder der Veneter Voralpen: die Brent de l’Art, eine vom Torrent Ardo ins Dolomitgestein eingeschnittene Schlucht mit senkrechten Felswänden, kristallklaren türkisfarbenen Becken und Wasserfällen. Ein Paradies zum Greifen nah — unmittelbar neben der Geschichte.
Man erreicht sie, indem man das Auto in Sant’Antonio Tortal (oder am kleinen Parkplatz) abstellt und einem Waldpfad etwa 15–20 Minuten zu Fuß folgt. Von der Brücke über die Schlucht eröffnet sich der volle Blick in die Tiefe der Klamm. Für Abenteuerlustiger ist auch Canyoning mit ortskundigen Führern möglich.
Freier Zugang. Leichter Pfad, auch für Familien geeignet. Wanderschuhe empfohlen.
Geführtes Canyoning mit lokalen Guides:FATTORIA KéKè & GLO’ – Via Montagna di Carve 1C – 32026 Mel – BORGO VALBELLUNA (BL)
Tel: +39 366 2174058 – www.canyoningborgovalbelluna.it
Bellunese Seite · ~10 km vom Pass
Castello di Zumelle, Mel
Weiter in Richtung Mel durch das Valbelluna erreicht man die am besten erhaltene Burg des gesamten Tals: Zumelle, auf einem Felsvorsprung über dem Torrente Terche gelegen, mit dem Bergfried aus dem 11. Jahrhundert, den Zinnen, der romanischen Kapelle San Lorenzo und einem aus dem Lebendgestein gehauenen Burggraben.
Ihre Ursprünge reichen bis in die Römerzeit zurück — man geht davon aus, dass sie den Verkehr entlang der Via Claudia Augusta kontrollierte — doch ihre Blütezeit lag zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert, als sie im Mittelpunkt erbitterter Kämpfe zwischen den Bistümern Belluno und Ceneda (dem heutigen Vittorio Veneto) stand. Heute ist sie ein vollständig gestaltetes mittelalterliches Erlebnispark: sorgfältig rekonstruierte Zeiträume mit Skriptorium, Apothekerwerkstatt, mittelalterlicher Küche und Festsaal, ganzjährige Themenevents und sogar drei Zimmer, in denen man in der Festung übernachten kann.
Tel. +39 351 224 0481 |
eventi@castellodizumelle.it
Web: www.castellodizumelle.it
Besuch dauert ca. 1 Stunde. Vorausbuchung für Veranstaltungen und mittelalterliche Abendessen empfohlen.
Ein Ort, an dem Geschichte greifbar wird
Der San-Boldo-Pass ist nicht einfach eine malerische Bergstraße. Er ist ein Denkmal unter freiem Himmel für jene schreckliche Zeit, in der Millionen von Menschen in einen Krieg gezogen wurden, der sie überwältigte. Die Tunnel, die Kurven, die von Hand in den Fels gehauenen Galerien sprechen noch heute — zu denen, die zuhören wollen — von siebentausend Menschen, die in hundert Tagen etwas schufen, das alles überdauert hat.

Und genau die Straße, die dazu dienen sollte, Italien niederzuzwingen, wurde am 4. November 1918 zur Rückzugsroute des Kaiserreichs, das sie gebaut hatte.
Diese Straße mit diesem Bewusstsein zu befahren verändert den Blick auf jede Kurve, jeden Tunnel, jeden Meter Asphalt. Und die Orte, die sie umgeben — CastelBrando, die Brent de l’Art, Zumelle — vervollständigen eine Reise, die zugleich Abenteuer, Geschichte und Staunen ist. Wer dazu noch die typische Bellunesen Küche kosten oder eine Nacht in der Gegend verbringen möchte, sollte beim Rifugio Pranolz haltmachen.

